Er kreischte, lief purpurn an und wand sich eine Stunde lang auf dem Boden,

nach nur einem Schluck? Alles klar, ich probier es!“

Flishard Weidenfers, ein Sinnsat

 


 

Erster Markttag von Mortis, 126 HR

Erin saß mit einem Glas Wolkentraum auf einer Récamière in ihren Gemächern. Das Getränk wurde aus Mandelmilch, weißem Kürbissirup und Rum gemischt, mit Zimt und Muskat bestreut und mit einem Zweig von blühendem Feuerthymian angerichtet. Es erinnerte sie stets an ein Abenteuer in den Blühenden Hügeln, eine ihrer amüsanteren und harmloseren Reisen, verglichen mit manch anderen Erlebnissen. Diese Art der Aufheiterung konnte sie im Moment gut brauchen, da die Gedanken, denen sie nachhing, weniger amüsant und harmlos waren. Sie hatte gegen Zenit bei einer Probe des echsischen Balletts in der Ren Halle zugesehen und erst zwei Stunden später einen Termin mit dem Abgesandten aus Sylvania. Die Zeit dazwischen nutzte sie, um sich zurückzuziehen, ihrer weißen Tressym Aurita ein paar Streicheleinheiten zu gönnen und nachzudenken.

Naghûl hatte ihr etwa zwei Wochen zuvor ausführlich von Lady Julianas Besuch in der Kaserne berichtet, von der aus drei Strophen bestehenden Schwerter-Prophezeiung in der Alten Sprache und den Bildern der drei legendären Klingen. Ebenso hatte er Janas Vision erwähnt, bei der die Hexenmeisterin, Bundmeister Sarin und er selbst das weiße Katana Hoffnung in den Tiefen der Katakomben von Bruchstein gesehen hatten. Und natürlich hatte er auch anschaulich von Lord Valiants überraschendem Eintreffen und dessen Wortwechsel mit Sarin erzählt. Sie seufzte bei sich, als sie sich daran zurück erinnerte. Lord Valiants Rückkehr nach Sigil verhieß nichts Gutes, dessen war sie sicher. Umso mehr, da sie durch eine Antwort der Botin wussten, dass er den Erwählten nicht unbedingt wohlgesonnen war, ja offenbar gegen sie arbeitete. Seine Anspielungen waren laut Naghûl durchaus ungemütlicher Natur gewesen, und ihr Faktotum war sich sicher, dass der Celest etwas wusste. Die Anwesenheit der Erwählten bei Sarin hatte ihn zumindest nicht merklich überrascht. Somit lag die Vermutung nahe, dass er über einige Dinge die Prophezeiung betreffend informiert war. Zudem schien er Bundmeister Sarin unter Druck setzen zu wollen. Kommentare wie "Wenn hier alles zu meiner Zufriedenheit verläuft ..." waren jedenfalls ein eindeutiges Zeichen dafür. Erins Blick verfinsterte sich, während sie die auf ihrem Schoß zusammengerollte, geflügelte Katze streichelte. Sarin unter Druck zu setzen war etwas, das sie generell für eine sehr schlechte Idee hielt. Selbst ein Celest wie Valiant musste etwas in der Hand haben, wenn er das versuchte. Hinzu kam erschwerend, dass Sougad Lawshredder offenbar auch wieder ein Thema werden würde. Sie mussten zusehen, dass Lord Valiant ihre Arbeit nicht blockierte und den Bundmeister des Harmoniums nicht zu sehr in Anspruch nahm.

Bei einer Besprechung mit Sarin, Ambar, Rhys und Terrance waren sich denn auch alle einig gewesen, dass sie den nächsten Schritt schnell planen sollten, ehe ihnen jemand in die Quere kommen konnte. Die Frage war natürlich gewesen, was war der nächste Schritt ... Lawshredder oder das Schwert Hoffnung? Sie waren rasch übereingekommen, dass Lawshredder auf sie zukommen würde, ob sie es wollten oder nicht. Zudem wussten sie nicht einmal genau, wann. Daher war es sinnvoller, ein Ziel nach dem anderen zu verfolgen. Was leider bedeutete, dass die Erwählten nach Bruchstein würden reisen müssen, um dort nach dem Schwert zu suchen. Dabei würden sie allerdings auf Morânia – und somit auch die Botin - verzichten müssen. Sie als Paladin mit nach Pazunia zu nehmen, wäre irrsinnig gewesen. Das Risiko, dass man auf der höllischen Ebene trotz einer Verschleierung die heilige Aura der Bal'aasi wahrnahm, war einfach zu groß. Auch die anderen mussten sich natürlich entsprechende Verkleidungen und Rollen überlegen, um sich möglichst unauffällig in der Abyssalischen Festung bewegen zu können. Wenn die Bewohner selber nicht ahnten, dass das legendäre Schwert dort lag, umso besser. Aber sie mussten natürlich davon ausgehen, dass sie es doch wussten.

Der aktuelle Plan war, sich als Erzjäger auszugeben, die Schwarzes Mithral erwerben wollten. Es war allgemein bekannt, dass diese in Bruchstein sehr gut zahlten, daher wurden sie meist schnell eingelassen. Mit Kiyoshi hatte die Gruppe auch einen Mann vom Fach dabei, da der junge Soldat in der Schmiedekunst bewandert war. Erin hatte die Aufgabe übernommen, ein gutes und seltenes Gift zu beschaffen, das die Erwählten mit sich führen konnten. Sollten sie nämlich in eine unangenehme Situation kommen, brauchten sie etwas, um sich die mächtige Succubus-Herrin von Bruchstein gewogen zu machen. Und seltene Gifte als Präsent stimmten Rotschleier für gewöhnlich gut. Die Bundmeister hatten ihren jeweiligen Erwählten jedoch eingeschärft, das Ganze ohne eine Begegnung mit Rotschleier abzuwickeln, wenn es irgendwie möglich war. Eine über zweitausend Jahre alte Succubus war generell schon gefährlich, aber die Herrin von Bruchstein, als Tochter des Dämonenfürsten Pazuzu und der Königin der Succubi, Malcanthet, war eine Gegnerin, der man nach Möglichkeit aus dem Weg gehen sollte. Dass das Schwert Hoffnung offenbar in einer Gruft tief unter Bruchstein lag, war gleichermaßen ungünstig wie auf einer rein sinnsatisch-philosophischen Ebene spannend. Fast bedauerte Erin, bei dem Vorhaben nicht dabei sein zu können. Doch sie war nun Bundmeisterin und konnte derartige Abenteuer nicht mehr so bedenkenlos unternehmen wie einst. Diese Tage lagen hinter ihr. Sie verspürte einen kurzen Stich des Bedauerns bei diesem Gedanken, bei der Erinnerung an die Erlebnisse, die sie vor noch nicht allzu vielen Jahren mit ihrem Geliebten Da'nanin geteilt hatte. Nun, man konnte nicht alles haben, und sie hatte das Amt einer Bundmeisterin Sigils sehr gezielt angestrebt, wissend, was es mit sich brachte, im Guten wie im Schlechten.

„Was denkst du, Aurita?“, fragte sie ihre Tressym, der sie gedankenverloren das Fell kraulte. „Hätte ich Abenteurerin bleiben sollen? Oder war Bundmeisterin zu werden die bessere Option?“

„Ich bin da nicht ganz neutral“, erwiderte die geflügelte Katze, während sie sich auf ihrem Schoß streckte. „Denn wärest du nicht nach Sigil gekommen, wären wir einander nicht begegnet.“

Die intelligenten Tressym verstanden zwar die Handelssprache, konnten sie aber nicht sprechen. Doch Erin besaß ein Amulett der Tiersprache, das es ihr erlaubte, sich mit Aurita zu unterhalten. Sie sprachen allerdings in Anwesenheit anderer selten miteinander, ließen Außenstehende, die wenig über die geflügelten Katzen wussten, gerne in dem Glauben, dass es sich bei Aurita um wenig mehr als Erins Haustier handelte, nicht um ihre Vertraute.

„Das stimmt wohl“, entgegnete Erin schmunzelnd. „Aber ich hätte mich ja hier niederlassen und dennoch Abenteurerin bleiben können. Eine Ebenenreisende mit allen möglichen Zielen und festem Wohnsitz in der Stadt der Türen. Wäre vielleicht auch nicht schlecht gewesen, oder?“

Aurita musterte sie mit ihren saphirblauen Augen und maunzte dann ablehnend. „Nein, meine Liebe. Ich denke, du bist genau da, wo du sein sollst.“

„Also, dem stimme ich zu“, meinte Da'nanin, der in diesem Moment die Gemächer betrat. Als Waldläufer konnte er Aurita ebenfalls verstehen.

Lächelnd stellte Erin das inzwischen geleerte Glas Wolkentraum ab. „Wenn mein Gefährte und meine Vertraute beide dieser Meinung sind, muss wohl etwas dran sein.“

„Wie schön, dass du auch mal auf uns hörst“, meinte Da'nanin neckend, während er zu ihr trat, um sie mit einem kurzen Kuss zu begrüßen.

 


 

„Sei nicht so streng.“ Sie strich eine Strähne seines weißen Haares zurück, die ihm in die Stirn gefallen war. „Ich höre immer auf euch – wenn ihr die besseren Argumente habt als ich.“

„Was zugegeben nicht einfach ist“, räumte der Halbelf ein und musterte sie dann forschend. Natürlich konnte sie nach all den Jahren nicht verbergen, dass ihr ernstere Gedanken durch den Kopf gingen. Dafür kannte er sie zu gut. „Was ist los?“, fragte er auch sogleich. „Beunruhigt dich etwas?“

„Sie denkt nur nach“, meinte Aurita und streckte die gefiederten Schwingen. „Über den gruseligen Serienmörder.“

Da'nanin runzelte die Stirn. „Lawshredder?“

„Unter anderem“, schwächte Erin ab. „Wegen Janas Vision, der Antworten der Botin und dem, was Ambar und Lereia im Haus der Vorboten erlebt haben.“

Ihr Gefährte nahm nun neben ihr auf der Récamière Platz und schüttelte missbilligend den Kopf. „Dieses skurrile Haus ist fast so unheimlich wie Lawshredder selbst. Das würde ich Ambar zwar so nicht sagen, aber ich persönlich finde es mehr als zweifelhaft.“

„Es ist ein interessantes Konzept“, wandte Erin ein.

Doch in diesem Fall schien Da'nanins Abneigung die sinnsatische Neugier zu überwiegen, denn er vollführte eine ablehnende Geste. „Nein, ganz ehrlich: ein Haus, das werdende Mächte beherbergt? Das finde ich hier mitten in Sigil schon leicht suizidal. Wer denkt sich so etwas aus? Nicht Ambar, das weiß ich. Auch nicht seine Vorgängerin Curran. Aber irgendjemand im Bund muss auf diese Schnapsidee ja mal gekommen sein.“

Erin schmunzelte. „Warum fragst du Ambar nicht danach? Ihr beide könnt doch ganz gut miteinander.“

„Vielleicht werde ich das.“ Der Halbelf kraulte Aurita zwischen den Flügeln und sie schnurrte zufrieden. „Wenn er das nächste Mal in der Festhalle ist, lade ich ihn auf ein Glas Arboreanischen Roten ein und schneide das Thema an. In der Zwischenzeit, um dich von düsteren Gedanken an wahnsinnige Serienmörder abzulenken: Wie wäre es mit einem Besuch im Sinnsorium, ehe du dich mit dem Gesandten triffst? Da wartet immer noch diese Erfahrung mit den Kobold-Piraten auf dem Oceanus und dem vergesslichen Wasserdrachen.“

Erins Miene hellte sich auf. Das war tatsächlich ein Erlebnis, auf das sie sich seit Längerem freute und zu dem sie in den vergangenen Wochen nie Zeit gefunden hatte. Es war noch über eine Stunde Zeit, also warum warten, wenn sie das Leben hier und jetzt genießen konnten? Unangenehme Erfahrungen kamen derzeit zuhauf von selbst, es konnte also nicht schaden, die schönen und lustigen gezielt zu suchen. Sie griff nach der Hand, die Da'nanin ihr entgegen streckte und nickte. „Sehr gerne!“ Im Aufstehen wandte sie sich zu Aurita um. „Was sagst du? Kobold-Piraten und Wasserdrache?“

Die Tressym erhob sich würdevoll. „Ich bin eigentlich nicht so scharf auf Wasser, aber die Kobolde klingen lustig. Ich bin dabei.“

Erin hakte sich bei Da‘nanin unter, während Aurita in einem sachten Gleitflug von der Récamière zur Tür schwebte. Ihr Gefährte hatte recht, die unangenehmen Gedanken über Lawshredder konnte sie sich auch noch später machen. Vieles, was mit der Prophezeiung zusammenhing, schien ohnehin auf sie zuzukommen, ohne dass sie Einfluss darauf hatten. Warum also stattdessen nicht lieber die Erfahrung einer ungewöhnlichen Schiffsfahrt auf dem Fluss Oceanus machen?

 

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basierend auf dem Rollenspiel mit den Spielern von Naghûl, Sgillin und Kiyoshi am 30. Dezember 2012 

 

 

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