„Eines Tages, Yanek, wird nichts davon dein sein.“
Sinker-Vater zu seinem Sohn, während er auf sein Anwesen deutet
Erster Leeretag von Ligatus, 126 HR
Rakalla hatte lange mit sich gerungen und sich die Entscheidung alles andere als einfach gemacht. Sie wusste, wie wichtig die Prophezeiung war und dass sie sehr gut überlegen sollte, wem sie sich dahingehend anvertraute. Doch mit irgendjemandem musste sie darüber sprechen, und zwar innerhalb ihres eigenen Bundes. Jemandem, der nicht ihre Bundmeisterin oder deren Liebhaber war. Sie beneidete die anderen Erwählten ihrer Gruppe in diesem Punkt. Krixxi hatte zum einen ihren besten Freund, den erweckten Hahn Figaro, mit dem sie darüber sprechen konnte. Zum anderen war ihr Bundmeister Karan sehr unkompliziert und schien mit der hibbeligen Goblinfrau ziemlich auf einer Wellenlänge zu sein. Sgillin hingegen, den sie kürzlich kennen gelernt hatte, war gar keinem Bundmeister Rechenschaft schuldig und schien sich mit Krystall gut zu verstehen, so dass er seine Sorgen und Gedanken bezüglich der Prophezeiung mit ihr teilen konnte. Ob Schwarzhuf sich jemand anderem in seinem Bund anvertraut hatte, wusste sie nicht, doch sein Bundmeister Lhar war zugewandt und bodenständig und er schien einen guten Kontakt zu ihm zu haben. Zamakis … nun gut, die Vampirin war wohl die einzige, deren Bundmeister ebenso eine Herausforderung war. Doch zumindest hielt Skall sich sehr selten in Sigil auf, und mit Oridi schien Zamakis klarzukommen. Zumal die verschlossene Untote auch nicht den Eindruck machte, ein großes Mitteilungsbedürfnis zu haben. Vampire eben. Rakalla jedoch war impulsiv und emotional und sich hin und wieder mit jemandem auszusprechen, war ihr ein Bedürfnis. Oft tat sie das mit den anderen Erwählten, aber sie vermisste jemanden in ihrem eigenen Bund, dem sie dahingehend vertraute. Das Verhältnis zu Pentar konnte sie allenfalls als schwierig bezeichnen. Da die Bundmeisterin eine Zerstörerin war und sie selbst eine Beobachterin, gab es schon philosophisch gesehen viele Differenzen und auch auf persönlicher Ebene hatte sie nie wirklich Zugang zu Pentar gefunden. Ihr Gefährte Ely Cromlich, dem Rakalla instinktiv misstraute, machte die Sache nicht besser. Sie hätte sich vielleicht ihrer Mutter oder Schwester in Pelateia anvertraut, doch die Gorgonen-Stadt war nun einmal nicht Sigil und Rakalla wollte die Geheimnisse und Probleme der Stadt der Türen nicht in ihre alte Heimat tragen. Andererseits lebte sie wiederum noch nicht so lange im Käfig, dass sie schon allzu viele enge Freundschaften geschlossen hätte.
Da gab es die menschliche Barbarin Lyssa, mit der sie oft in den Schwarzen Segeln trank. Doch obgleich diese Abende stets ein willkommener Ausgleich waren, erschien Lyssa ihr doch ein wenig zu einfach gestrickt, um mit diesem Thema zu ihr zu kommen. Sollte sie je eine starke Faust brauchen, jemanden, der ihr zuverlässig den Rücken freihielt, war die Barbarin sicher die Frau dafür. Für tiefschürfende Gespräch über uralte Prophezeiungen aber eher weniger. Dann gab es noch Velkryn, einen Werratten-Barden und dessen Freundin Arug, eine Ogrillon. Mit ihnen verstand sie sich ziemlich gut, aber Velkryn tendierte zur Fraktion der Zerstörer, was Rakalla letztlich zurückhielt, ihm von der Prophezeiung zu erzählen. Aber da war noch der andere Barde, der Tiefling. Mit ihm hatte sie sich bereits kurz nach ihrer Ankunft in Sigil angefreundet und im letzten Jahr hatten sie viel gemeinsam unternommen. Er war ihr ziemlich ans Herz gewachsen und sie hatte das Gefühl, ihm vertrauen zu können. Zumal sie seinen Geschichten entnommen hatte, dass er schon einiges erlebt und vom Multiversum gesehen hatte. Sie traute ihm daher zu, mit einer so verrückten Sache wie der Prophezeiung umgehen zu können. Und dann hatte sich während der Reise mit dem Barrakuda auch noch herausgestellt, dass die Blutjägerin Síkhara eine langjährige Freundin von ihm war. Rakalla mochte die Feuergenasi, sie beide und der Rest der Barrakuda-Crew gingen immer wieder ein Glas gemeinsam trinken. Außerdem hatte Krystall sie ebenso in die Sache mit der Prophezeiung eingeweiht, und so erschien es nur folgerichtig, auch Haer'Dalis davon zu erzählen. Sie hatte ihn also zu sich eingeladen, in ihre kleine Wohnung im Unteren Bezirk, unter dem Vorwand, ihr beim Testen eines neuen alchemistischen Elixiers zu helfen und dabei eine Flasche Purpurfeuer zu leeren. Dieses Getränk aus Pelateia war selbst in Sigil nicht ganz einfach zu bekommen, aber bei Tieflingen und Medusen gleichermaßen beliebt. Gekeltert aus dem eher bitteren Saft der dunkelroten Feuerbeere und dann versetzt mit dem süßen Nektar und den Blütenblättern der Blauen Klippenrose erhielt das Getränk sein besonderes Aroma schließlich durch die Koboldspfeffer-Schoten, die darin schwammen. Noch allerdings stand die Flasche ungeöffnet auf dem Tisch und Rakalla fuhrwerkte mit einigen Reagenzien in ihrem Labor herum, während der Barde geduldig abwartete und dabei ein wenig auf seiner Laute spielte. Sie füllte Topas-Staub in ein kleines Fläschchen, zerstieß Basilisken-Eierschalen in einem Mörser und sortierte eine Auswahl an Haizähnen in ein Kästchen, nur um sie sogleich wieder auszukippen und erneut einzusortieren, nach einem anderen System. Sie konnte sich einfach nicht den entsprechenden Ruck geben, wusste nicht, wie sie mit dem Thema beginnen sollte.
Schließlich stellte sie den Mörser geräuschvoller als nötig ab und drehte sich zu ihrem Gast um. „Also schön, vergessen wir das mit dem Elixier.“
Er sah von seinem Instrument auf und musterte sie fragend. Eigentlich hätte man ihn auf den ersten Blick für einen Halbelfen halten können, einen feenblütigen vielleicht. Das einzige Merkmal, das sein Tieflingserbe verriet, war sein kräftig blaues Haar. „Was ist los?“, fragte er. „Ist was schief gegangen?“
„So in der Art. Es ist … Vergessen wir es einfach, ja?“ Sie kam aus der Ecke, in der sie ihr Labor eingerichtet hatte, zu ihm herüber.
„Wie du meinst.“ Er hob die Schultern. „Aber schade, ich war gespannt, was du vorhast. Ich dachte, du willst mich vielleicht versteinern und dann eine Tinktur ausprobieren, die das rückgängig macht. Irgendwas in der Art.“
Erstaunt sah sie ihn an. „Du würdest dich nicht wirklich freiwillig von mir versteinern lassen, oder?“
„Ach, ich vertrau dir.“ Er grinste. „Außerdem ist mir schon Schlimmeres passiert.“
Sie nahm neben ihm auf dem Sofa Platz, das sie aus einigen stabilen Holzkisten und alten Polstern improvisiert hatte, und musterte ihn nachdenklich. „Ja, du hast … schon einiges erlebt, hm?“
„Kann man so sagen“, erwiderte er gut gelaunt. „Ich war mal eine Weile auf der Materiellen unterwegs, und da sind ein paar echt schräge Sachen abgelaufen.“
„Davon hast du mal erzählt, ja. Oerth, oder? Ne … Krynn?“
Er lachte. „Toril. Wir sind da mit unserer Theatergruppe hin, nachdem wir wegen dieses etwas brisanten Stückes für eine Weile aus Sigil verschwinden mussten. Dort hab ich auch Síkhara kennen gelernt. Wir waren in einer Stadt namens Athkatla – also zuerst. Danach auch noch an anderen Orten. War eine wilde Zeit. Später hat es mich dann in die Abyss verschlagen, weil ich mich in diese Alu verguckt hatte und … Na ja, die Geschichte kennst du ja. Danach war ich länger in Sigil, dann noch einmal in Toril … wieder eine wilde Geschichte … und nun bin ich wieder hier.“
Sie schüttelte den Kopf, wobei ihre Schlangen leise zischelten. „Und ich war eigentlich nur in Pelateia und Sigil. Irgendwie langweilig, oder?“
„Langweilig?“ Er stellte seine Laute ab und lehnte sie gegen die Polster. „Eine Stadt voller Medusen soll langweilig sein? Das ist nicht dein Ernst.“
„Na ja, ich bin dort aufgewachsen, für mich ist das normal.“ Sie schmunzelte. „Aber wenn es dich interessiert, ich kann dir die Stadt gerne mal zeigen.“
„Die Schöne auf den Hügeln!“ Er breitete theatralisch die Arme aus, als er den Beinamen ihrer Heimatstadt zitierte. „Und wie mir das gefallen würde, meine schöne Dschungelviper.“
Rakalla musste schmunzeln. Der Tiefling pflegte oft eine recht blumige Ausdrucksweise und hatte die Angewohnheit, seine Freunde mit Tiernamen anzusprechen. Sie nahm die Flasche mit Purpurfeuer, entkorkte sie und schenkte ihnen beiden ein Glas ein. „Abgemacht“, sagte sie, als sie mit ihm anstieß. Sie zögerte noch eine Sekunde, dann gab sie sich einen Ruck. „Haer'Dalis … kannst du ein Geheimnis für dich behalten?“
Er setzte das Glas ab, aus dem er soeben hatte trinken wollen. Es sprach für ihn, dass er sofort erkannte, wie ernst es ihr war. „Das ist etwas Schwerwiegendes, nicht wahr? Nun, dieser Spatz wird dir zuhören und all deine Geheimnisse bewahren“, erwiderte er. „Versprochen.“
Sie nickte, atmete noch einmal tief durch und begann dann zu erzählen. Davon, wie sie zum ersten Mal auf ihre Gabe aufmerksam geworden war, wie Ely Cromlich das beobachtet hatte und wie Pentar sie zu sich hatte rufen lassen, um ihr von der Prophezeiung und der Göttermaschine zu erzählen. Wie sie die anderen Erwählten kennengelernt hatte – Krixxi, Zamakis, Schwarzhuf und schließlich Sgillin, von der Geschichte mit Eliath und von der Reise mit dem fliegenden Barrakuda, als sie Síkhara getroffen und Hüterin und Verkünder gesucht hatten. Ab und an stellte Haer'Dalis eine Frage, aber im Großen und Ganzen ließ er sie ohne Unterbrechung bis zu Ende erzählen. Ihr Bericht dauerte dennoch eine ganze Weile. Eine Stunde und eine halbe Flasche Purpurfeuer später lehnte sie sich schließlich gegen die Polster des Sofas zurück und sah ihren Freund erwartungsvoll an. Der Barde musterte sie eingehend, ließ dann seinen Blick durch die kleine Wohnung wandern, schenkte sich schließlich noch ein Glas ein und musterte sie erneut. Eine Mischung aus Ungläubigkeit und Begeisterung lag in seinem Blick.
„Also das, meine liebe Freundin, macht meinen eigenen Geschichten Konkurrenz. Und zwar ernsthafte.“
„Oh, danke, und das aus deinem Mund!“ Sie lachte. „Und allein dadurch, dass ich es dir erzählt habe, hängst du nun wahrscheinlich irgendwie mit drin. Herzlichen Glückwunsch.“
„Hm.“ Er nickte, nun ein wenig nachdenklicher. „Das könnte natürlich sein. Na ja … nur in Sigil Theater spielen wäre diesem Spatz auf Dauer auch zu langweilig geworden. Sharee.“ Er prostete ihr mit dem infernalischen Trinkspruch zu.
Sie schenkte sich ebenfalls nach, hielt aber inne, ehe sie mit ihm anstieß. „Ich … werde Pentar und Ely nicht erzählen, dass ich mit dir darüber gesprochen habe, also ...“
Er hob die Brauen. „Besser ist das, dünkt mir. Ja, eine weise Entscheidung, meine schöne Viper. Immerhin, die beiden sind Zerstörer, da weiß man nie, was man zu erwarten hat. Wir beide hingegen, als Beobachter, sind da schon eher auf einer Wellenlänge.“
Sie grinste, als ihr Glas gegen das seine stieß. „Ich wusste, wir verstehen einander.“




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