Die Zeit ist ein Fluss ohne Ufer.“

Inschrift am Tempel des Chronos in Polykeptolon

 


 

Erster Untertag von Ligatus, 126 HR

Atemlos hetzte Naghûl die Stufen zum Obergeschoss der Kaserne hoch. Sie hatten Lady Diana in der Empfangshalle mehr schlecht als recht erklärt, dass sie dringend und umgehend zu Bundmeister Sarin vorgelassen werden mussten. Die Concierge hatte ihre Verwirrung nicht verbergen können, aber auch sofort erkannt, dass es sich um einen wirklichen Notfall handelte. Daher hatte sie nicht gezögert, die Gruppe vorzulassen und sie dann auch bis nach oben begleitet, damit die Wachen vor Sarins Büro die unangekündigten Gäste auch einließen. Entgegen aller Etikette hatte der Tiefling stürmisch die Tür aufgerissen und sie stolperten regelrecht in den Raum. Sarin fuhr herum, und trotz der ernsten Lage fiel Naghûl das Detail auf, dass seine Linke kurz zu einem seiner Säbel wanderte. Obgleich in seinem eigenen Bundhauptquartier und trotz der Wachen vor seiner Tür, schien eine gewisse Wachsamkeit den Paladin nie ganz zu verlassen. Immer der Krieger, vermutete Naghûl – ein Instinkt den er aufgrund seiner eigenen Vergangenheit gut nachvollziehen konnte. Als der Bundmeister sie erkannte, war sein Blick zwar nicht weniger irritiert, doch ließ er zumindest den Griff seines Säbels los. Naghûl stemmte sich auf seinen Stab und japste nach Luft, Lereia neben ihm knickste hastig, während Kiyoshi in der Eile für seine Verhältnisse nachlässig salutierte.

„Bei der Dame, was ist das denn für ein Auftritt?“, fragte Sarin mit einer Mischung aus Missbilligung und Besorgnis.

„Bundmeister Sarin-gensui“, erwiderte Kiyoshi rasch. „Wir haben schreckliche, dringliche Nachricht. Wetter Jana-san hatte eine Vision: Die ehrenwerte Erzbischöfin Spesinfracta Juliana-sama wird einem Anschlag zum Opfer fallen, sobald der ehrenwerte Caine Killeen-taisho sie besucht.“

Lereia nickte hektisch. „Auf einem Turm in einer Festung. Ein Pfeil trifft sie von hinten.“

„Durch den Hals ... schrecklich!“, setzte Naghûl noch hinten nach.

Sarins Blick wanderte von einem zum anderen, er brauchte einen Moment, um ihren überraschenden und eher unkoordinierten Ausführungen zu folgen. „Moment, langsam … Was? Habe ich richtig verstanden? Es soll einen Anschlag auf Juliana geben?“

„Laut der Vision von Jana-san wird es das“, erklärte Kiyoshi, untypisch aufgewühlt. „Und wir fürchten, dass keine Zeit mehr bleibt.“

„Killeen Caine kam durch ein Portal zu ihr“, ergänzte Lereia seine Worte verzweifelt. „Sie sprachen über ein Pergament und sie wollte hierher kommen, um Euch darüber zu unterrichten. In diesem Moment traf sie der Pfeil von hinten.“

Trotz seines gebräunten Teints war zu erkennen, dass sehr plötzlich die Farbe aus Sarins Gesicht wich. „Wann?“, stieß er mit rauer Stimme hervor. „Könnt Ihr sagen, wann?“

„Sehr bald“, erwiderte Kiyoshi ernst. „Noch vor der Ankunft des ...“ Naghûl bemerkte, dass er hier eine winzige Pause machte. „ … des ehrenwerten Lord Valiant-sama. Sie sprachen davon, dass er nach Sigil kommen wird, also kann die Vision jeden Moment real werden.“

Sarins Hand ballte sich einmal zur Faust und öffnete sich wieder, dann fuhr er sich durch das schwarze Haar, während ihm tausend Gedanken durch den Kopf zu gehen schienen. Niemals hatte Naghûl ihn so aufgekratzt und nervös erlebt. „Das Ganze ...“ Er versuchte sichtlich, sich zu fassen. „ … Könnte es schon geschehen sein?“

„Wir wissen es nicht“, antwortete Kiyoshi bedauernd. „Es kann schon geschehen sein oder erst in näherer Zukunft passieren. Es kann sogar jetzt gerade geschehen, ehrwürdiger Bundmeister.“

Der Paladin schien fieberhaft nachzudenken. „Wo war das? In Melodia?“

„Nein.“ Lereia schüttelte den Kopf. „Legat Caine kam von Melodia aus zu ihr. Es war eine große Festung, mehrere Archonen waren dort zu sehen.“

„Ja, es wirkte wie eine Festung der Archoniten“, bestätigte Naghûl. „Ein Turm mit einem Mosaik in der Mitte. Und das Mosaik scheint ein Portal zu sein.“

Nun hellte sich der Blick des Bundmeisters auf. „Die Kathedrale in Excelsior!“ Er schnalzte mit den Fingern. „Das Mosaik ist das Portal nach Melodia. Ich gehe selbst.“ Und schon war er auf dem Weg zur Tür.

„Können wir Euch helfen?“, fragte Lereia eilig.

„Ja“, erwiderte der Paladin knapp. „Mitkommen!“

Naghûl nickte und hastete hinterher, doch noch ehe Sarin die Tür geöffnet hatte, hielt er abermals inne. „Moment … Wenn all das schon geschehen sein sollte …“ Irgendwelche Gedankengänge schienen blitzschnell in seinem Kopf abzulaufen, während er vor sich auf das Parkett starrte. „Die Gnadentöterin, was hatte die Euch erzählt? Über diesen Genasi?“

„Der Luftgenasi?“, fragte Lereia verwirrt.

„Ja, genau der!“

„Er kann irgendwie durch die Zeit reisen?“, meinte Naghûl, eher fragend als erklärend.

„Genau!“ Sarin vollführte eine energische Geste. „Sehr gut, den brauchen wir!“

„Wir wissen jedoch nicht, wie genau er das steuern kann ...“, warf Lereia vorsichtig ein.

Der Bundmeister winkte ab. „Er wird es schon können, wenn es nötig wird.“

„Aber ...“ Die junge Frau warf einen etwas unglücklichen Seitenblick zu Naghûl. „Wenn es erst noch geschieht, verschwenden wir vielleicht Zeit ...“

„Und wenn es schon geschah und wir gehen ohne ihn hin, ist vielleicht die Spanne verstrichen, die er zurückreisen kann“, entgegnete Sarin unbeirrt.

Naghûl nickte sacht. Es war eine Zwickmühle, unmöglich aufgrund der wenigen Fakten eindeutig die richtige Entscheidung zu treffen. Doch ging es um Lady Juliana, Sarins ehemalige Bundmeisterin, und so hatte der Paladin gewiss jedes Recht, diese Entscheidung zu treffen, wohin auch immer sie führen mochte.

„Ich kann ihn holen“, bot Kiyoshi sogleich an. „Er kennt mich, weil er mich bei der Gerichtsverhandlung von Jana-san gesehen hat.“

„Gut, Soldat. Bringt ihn hierher.“ Sarin nickte, löste ein Abzeichen von seiner Rüstung und reichte es dem jungen Mann. „Sagt ihm, dass Ihr in meinem direkten Auftrag kommt.“

„Ich kann es auch tun“, warf Lereia ein. „Ich bin verwandelt sehr schnell.“

„Das stimmt. Im Zweifelsfall habt Ihr aber nicht die Autorität, sein Mitkommen zu erzwingen“, erklärte der Bundmeister, ehe er sich wieder an Kiyoshi wandte. „Nehmt einen Greifen. Amariel müsste gerade oben auf der Landeplattform sein, sie soll Euch fliegen.“

Kiyoshi salutierte eilig und rannte dann los in Richtung des Greifenturms. Sarin blickte ihm noch kurz nach, und in seinen dunklen Augen stand eine Sorge, die nur ausgelöst werden konnte durch Gefühle für jemanden, den man sehr liebt. Naghûl kannte diesen Blick und diese Gefühle nur allzu gut. Diese Erfahrung hatte er bereits gemacht, und nicht nur einmal. Er beneidete Sarin nicht darum.

Der Paladin starrte noch einige Momente auf den Türrahmen, dann sah er zu Lereia und Naghûl. „Wartet hier. Ich unterrichte Präfekt Feuerherz über die Lage, da Legat Shar im Moment nicht hier ist.“

Er verließ mit energischen Schritten den Raum, und es folgte eine fürchterliche Weile des Wartens. Der Tiefling und die Wertigerin tauschten mehrfach bedrückte und besorgte Blicke, sprachen aber nicht. Die Tür war schließlich noch offen und es standen zwei Wachen davor, die gewiss nicht in die Lage eingeweiht werden sollten. Jede Sekunde floss so zäh und träge dahin, als wäre die Zeit selbst müde geworden. Dann endlich kam Sarin zurück, noch immer sichtlich aufgewühlt, doch gleichzeitig auch extrem fokussiert auf das, was vor ihm lag. Naghûl kannte diesen Zustand. Die Fähigkeit eines Soldaten, nein mehr noch, eines Kommandanten, sich trotz allen Schmerzes, trotz aller Furcht und trotz aller schrecklichen Gefühle nur auf das zu konzentrieren, was kommen mochte, was die Mission war. Er besaß diese Fähigkeit ebenso – doch das war in einem anderen Leben gewesen, das er hinter sich gelassen hatte. Dennoch profitierte er in Situationen wie diesen natürlich von jenen Erfahrungen, so düster sie auch waren. Sarin schickte die beiden offenkundig verwirrten und besorgten Wachen weg und legte die schwereren Teile seiner Rüstung an. Dann warteten sie erneut, diesmal schon im Gang vor dem Büro. Es war geradezu eine Erlösung, als schließlich Kiyoshi wieder um die Ecke bog - mit Yelmalis im Schlepptau. Zumindest ging Naghûl fest davon aus, dass der vornehm gekleidete junge Mann mit dem weißen Haar der von Sarin bestellte Luftgenasi war. Er wirkte sichtlich nervös, und drei Schmetterlinge flatterten äußerst hektisch und unkoordiniert um ihn herum. Der Bundmeister des Harmoniums ging zwei schnelle Schritte auf ihn zu.

„Seid Ihr Yelmalis?“, fragte er, nicht weniger energisch als bei jeder Verhaftung.

Der Angesprochene verneigte sich tief und hastig. „Ja, aber ich verstehe nicht … was das soll …“

„Ihr seid der Zeitreisende?“, setzte der Paladin nach, ohne auf seine Frage einzugehen.

Die Miene des Luftgenasi wurde noch eine Spur unglücklicher. „Ich weiß nicht, ob das der richtige Ausdruck …“

„Ihr seid es also“, erwiderte Sarin knapp. „Gut, Ihr kommt mit.“

„Wo… wohin denn, Bundmeister?“, fragte Yelmalis stotternd.

Der Paladin winkte ab. „Das seht Ihr schon. Vielleicht brauchen wir Euch auch gar nicht. Aber Ihr kommt mit.“

„Ähh … Ja, Herr …“ Der junge Mann wurde immer kleiner und sah völlig verwirrt von einem zum anderen.

Naghûl warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Von einem Harmoniumsoldaten zum Mitkommen aufgefordert und auf dem Rücken eines Greifen in die Kaserne gebracht zu werden, das war an sich schon aufregend genug. Doch dann auch noch dem Bundmeister selbst gegenüber zu stehen, ohne eine Erklärung, was das Ganze eigentlich sollte … Ja, das konnte mit Fug und Recht als verstörend bezeichnet werden.

Sarin versetzte unterdessen Kiyoshi einen leichten Schlag in den Nacken. „Gut gemacht, Soldat. Dann los, hier lang.“

Er eilte den Gang entlang ohne sich dabei einmal umzusehen, offenbar in der Annahme, dass die anderen ihm gewiss folgen würden – was sie natürlich auch taten: Kiyoshi mit nun wieder versteinerter Miene, Naghûl und Lereia besorgt und beklommen und der arme Yelmalis vollkommen überfordert. An einer der zahlreichen Türen, die von dem langen Flur im Obergeschoss abgingen, blieb Sarin dann stehen.

„Das ist unser Portal nach Arcadia“, erklärte er. „Das behalten aber alle für sich, klar?“

Sie nickten eilig und Sarin trat näher an den Türrahmen heran. Er aktivierte das Portal, wenngleich Naghûl nicht erkennen konnte, was der Schlüssel war. Ohne zu zögern folgte er dem Bundmeister, als dieser durch das schimmernde Licht in der Türe trat, und Kiyoshi, Lereia und Yelmalis taten es ihm gleich. Auf der anderen Seile des Portals erwartete die fünf eine große Stadt. Sie war wunderschön und überwiegend aus weißem Marmor errichtet, viele Gebäude hatten silbern verzierte Dächer. Melodia, das planare Zentrum des Harmoniums außerhalb von Sigil. Das Portal hatte sich im Torbogen eines stillen Arkadenganges geöffnet, auf einem Hügel, von dem aus man einen Großteil der Stadt überblicken konnte. Zahlreiche kleine Parks und Statuen waren von der Anhöhe aus zu erblicken. Die Stadt war sehr belebt, Naghûl sah vor allem viele Menschen, Zwerge und Aasimar in den Straßen. Die meisten trugen auf die eine oder andere Weise das Zeichen des Harmoniums. Alles wirkte äußerst geordnet und ruhig - zumindest bis zu dem Moment, als Sarin mit ihnen durch das Portal gestürmt kam. Die Einwohner, die gerade in der Nähe des Portals unterwegs gewesen waren, blieben abrupt stehen, sichtlich überrascht, ihren Bundmeister so plötzlich, so aufgeregt und in so ungewohnter Begleitung durch das Tor stürmen zu sehen. In Begleitung einer Gruppe von offensichtlichen Zivilisten, die augenscheinlich auch nicht dem Harmonium angehörten.

„Das ist Melodia, unser Hauptquartier auf Arcadia“, erklärte der Paladin knapp. „Das Portal zur Festung der Archoniten in Excelsior ist nicht weit von hier.“

Lereia nickte, während sie sich noch ein wenig überfordert umsah. „Das hat dann auch Legat Caine genommen ... oder wird nehmen ...“

Die Umstehenden verneigten sich hastig und wirkten eindeutig verwirrt. Sarin grüßte sie mit einer knappen Geste, hielt sich dann aber nicht weiter auf, sondern eilte die ordentlich gepflasterte Straße hinab.

„Das werde ich Bürgermeister Mabru ein andermal erklären ...“, stellte er fest.

Naghûl winkte den verdutzten Melodiern mit einem freundlichen Lächeln zu und lief Sarin hinterher, der auf niemanden achtete, sondern zielstrebig und im Laufschritt in die nächste breite Straße abbog. Kiyoshi hastete hinterher und Lereia setzte ihm nach. Dem armen Yelmalis blieb nichts anderes übrig, als zu folgen, ohne eine Ahnung zu haben, was er überhaupt hier sollte. Sarin kannte sein Ziel offenbar genau, denn er eilte sehr schnell und ohne nachzudenken darauf zu. Sie stürmten an einigen verwirrten Harmoniumsoldaten vorbei und überquerten eine weitere breite Straße, wobei sie eine große, von vier celestischen Rössern gezogene Kutsche zu einer scharfen Bremsung zwangen.

„Gibt es eine Möglichkeit, den Attentäter in Excelsior zu verfolgen?“, fragte Lereia, während sie rannte.

„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte Sarin kurz angebunden. „Ich habe ja nicht einmal die Vision gesehen.“

„Das sehen wir … wenn es soweit ist“, meinte Naghûl, dem bereits der Atem ein wenig kurz wurde.

Sie überquerten einen prachtvollen Platz, auf dem der Tiefling aus den Augenwinkeln einen Tempel von Siamorphe, ein Museum und einen Schrein von Marduk ausmachen konnte. Auf diesen Schrein hielt Sarin nun zu, Kiyoshi und Lereia dicht hinter ihm, während Naghûl und Yelmalis ein Stück zurückgefallen waren. Als sie aufgeholt hatten, hatte der Paladin an einem der seitlichen Torbögen des Schreins angehalten – dort befand sich also wohl das Portal nach Excelsior. Während er Atem schöpfte, sah Naghûl sich kurz auf dem großen Platz um. Er war gesäumt von prachtvollen Bauwerken, viele geschmückt mit rot-weißen Bannern – die Farben des Harmoniums. Auf einem der Gebäude war soeben ein majestätischer Greif gelandet, während unten eine Gruppe von Priestern vorbei ging, die offenbar auf dem Weg zum Tempel der Siamorphe waren. Ganz in ihrer Nähe erspähte der Tiefling einen der nashornartigen Rhox, der schimmernde Schulterplatten und einen goldbestickten Umhang trug. Bei dem Brunnen in der Mitte des Platzes spielten mehrere Kinder und Naghûl bemerkte eine gewisse Erleichterung bei dem Anblick. Schön zu sehen, dass auch auf einer so geordneten Ebene wie Arcadia der Nachwuchs sorglos herumtoben durfte. Dann wiederum, so gestand er sich ein, entsprangen derartige Zweifel vielleicht auch einfach den Vorurteilen, die man mit einem chaotischeren Gemüt dem Rechtschaffenen gegenüber nun einmal oft hatte. Er war noch nie in Melodia gewesen und seine sinnsatische Neugier ließ ihn wünschen, sie hätten mehr Zeit für diesen Besuch, könnten sich die beeindruckende Stadt genauer ansehen. Doch es galt, eine viel zu dringliche Angelegenheit zu erledigen und prompt riss ihn auch Sarins Stimme aus diesen Gedanken.

„Da ist das Portal nach Excelsior. Alle bereit für den Ernstfall?“

Sofort fokussierte Naghûl sich auf die vor ihnen liegende Aufgabe. „Ja, Bundmeister!“

Yelmalis nickte, wenngleich weniger energisch. „Ähm, klar“, antwortete er, etwas zittrig.

Kiyoshi setzte zur Antwort seinen Helm auf und zog die Naginata.

„Dann los“, befahl der Paladin, beide Säbel in den Händen. „Bleibt dicht zusammen.“

Er öffnete das Portal, wobei Naghûl auch diesmal den Schlüssel nicht ausmachen konnte – wahrscheinlich irgendein Gegenstand, den der Bundmeister bei sich trug, oder vielleicht auch ein bestimmter Gedanke. Sie beeilten sich, Sarin so rasch als möglich hindurch zu folgen. Nur einen Lidschlag später fanden sie sich auf dem Dach eines großen Turmes wieder. Die ausladende Plattform war von mächtigen Zinnen gesäumt, vier gold-weiße Banner flatterten in einem leichten Wind. Sofort sahen sie sich um, versuchten, die Lage einzuschätzen. Im Moment war der Turm verlassen, doch war dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Lereia deutete zu einem der anderen Türme hinüber. „Der Pfeil kam von dort.“

Sie hatte Recht, auch Naghûl erkannte die Szenerie wieder, die sie in Janas Vision gesehen hatten. Als er sich orientiert hatten, wanderte sein Blick sofort zu der Stelle, an der Juliana gestanden hatte – und ihm sank das Herz. Ein großer dunkler Fleck breitete sich dort auf dem Boden aus …

„Da drüben ...“ flüsterte er.

Sarin folgte seinem Blick und erstarrte. Seine Säbel fielen zu Boden und er ging zu der Lache hinüber, neben der er auf die Knie sank. Ungläubig starrte er auf das Blut. „Nein ... NEIN!“ Sein zweiter Ruf hallte laut und weit über die Festungsmauern.

„Zu spät …“ murmelte Naghûl niedergeschlagen.

Während Kiyoshi sich neben Sarin postierte, wie um gleichsam Wache über seinen Herrn zu stehen, wandte Lereia sich an den Luftgenasi, der mit großen, fragenden Augen dem Geschehen folgte. Mehrere Schmetterlinge flatterten schnell und eher unkoordiniert um ihn herum.

„Yelmalis … könnt Ihr das nur alleine oder auch jemanden mitnehmen? Durch die Zeit reisen, meine ich.“

Der junge Mann schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich … ich kann das gar nicht so bewusst wie Ihr vielleicht denkt. Was geht hier vor?“

„Erzbischöfin Juliana wurde hier getötet“, erklärte Lereia ernst. „Es ist nicht lange her, und wir wollen das verhindern. Bitte, könnt Ihr es versuchen?“

„Bei der Dame …“ Yelmalis wurde noch etwas blasser als er es ohnehin war, und ebenso nahmen die ihn umflatternden Schmetterlinge eine hellere Tönung an. „Lady Spesinfracta, meint Ihr?“

Lereia nickte. „Ja. Yelmalis, Ihr seid unsere letzte Hoffnung, dieses Attentat zu verhindern.“

Der Luftgenasi sah sehr überfordert aus. „Ich kann es versuchen, aber meine Güte, ich ... kann nicht wissen, ob ...“

„Versucht es einfach“, bat Lereia eindringlich. „Reist Ihr immer alleine?“

„Ja, ich kann das nur alleine ... Bislang zumindest.“

Sarin, der eine Weile wie betäubt neben der Blutlache gekniet hatte, schien sich nun wieder etwas zu fassen und stand auf. Er trat zu Naghûl, und der Tiefling konnte erkennen, dass des Bundmeisters Augen noch feucht waren.

„Wie genau ist das abgelaufen?“, wollte der Paladin wissen. „In Janas Vision, meine ich.“

„Die Erzbischöfin und der Legat standen genau dort drüben“, erklärte der Tiefling und zeigte Sarin die Stelle. „Ein Pfeil durchbohrte Julianas Kehle von hinten. Vor ihr stand Killeen Caine. Beide müssten sich entweder ducken oder ausweichen.“

In diesem Moment vernahmen sie ein lautes Gespräch, Schreien und Diskutieren vom Turm-Inneren her.

Der Bundmeister horchte auf. „Ich höre Killeens Stimme. Es ist möglicherweise nicht lange her.“

„Verzeiht“, warf nun Kiyoshi ein. „Ich glaube nicht, dass wir die Vision verhindern können. Ich glaube, was wir tun können, ist direkt danach zu erscheinen, um die ehrenwerte Erzbischöfin Spesinfracta Juliana-sama zu heilen.“

„Wir haben Yelmalis hier“, warf Lereia ein. „Wir können es versuchen.“

Der Luftgenasi wiegte den Kopf. „Ich fürchte, dass der Soldat Recht hat … Kiyoshi, nicht wahr? Es gibt Dinge … das ist wirklich schwer zu erklären, aber ...“

„Wieso versuchen wir es nicht einfach?“, wandte Lereia ein. „Was haben wir zu verlieren?“

„Wie weit könnt Ihr zurück?“, wollte Sarin wissen.

„Bis zu zwölf Stunden“, erklärte Yelmalis. „Zumindest war das das längste bisher.“

Der Bundmeister nickte. „Das müsste ausreichen.“

Der junge Mann atmete einmal tief durch. Die Schmetterlinge, die ihn umgaben, flogen ein wenig langsamer, einer von ihnen ließ sich auf seinem Revers nieder. „Also gut, hört zu ... Ich kann das versuchen. Ich habe keine Ahnung, ob es gelingt und ob ich überhaupt zu genau dieser Stelle springen kann. Aber ich versuche es.“

Lereia nickte dankbar. „Lady Spesinfracta war hier drüben und Killeen Caine kam durch das Portal“, erklärte sie. „Sie unterhielten sich dort bei den Zinnen, als das Attentat geschah. Vielleicht reist Ihr weiter zurück und könnt sie warnen. Sie müssen den Attentäter finden oder zumindest das Attentat verhindern.“

„Aber es gibt ... da ein Problem“, wandte der Luftgenasi vorsichtig ein.

„Was für ein Problem?“, fragte Sarin sofort, eine Stimme lauter als gewöhnlich. Er wirkte mühsam beherrscht und sehr betroffen.

„Nicht alles kann man ändern“, erklärte Yelmalis, fast entschuldigend ob einer Tatsache für die er nichts konnte. „Die Zeit und die Abläufe, die sie beschreibt, können nicht immer willkürlich abgeändert oder beeinflusst werden.“

Sarin runzelte die Stirn. „Wie meint Ihr das? Wenn Ihr in der Vergangenheit etwas ändert, hat das doch immer eine Auswirkung, oder?“

„Die Zeit ist fließend, genau wie die Zukunft“, meinte Lereia. „Ein Flügelschlag eines Schmetterlings kann schon alles verändern, nicht wahr?“

„Nein.“ Yelmalis seufzte. „Eben nicht. Ich kann es schwer erklären. Ich entdecke diese Gabe auch gerade erst. Aber ich habe bereits die Erfahrung gemacht, dass es Ereignisse gibt, die man nicht ohne Weiteres abändern kann. Man bezeichnet das als Fixpunkte im Gefüge der Zeit.“

„Oh.“ Sarin klang ein wenig ernüchtert. „Ich verstehe. Nun, dann hoffen wir, dass dieses Attentat kein solcher Fixpunkt ist.“

Der Genasi nickte ernst. „Ansonsten gibt es nur wenig, das ich tun kann. Zudem reicht es nicht, hier nur geistig durch die Zeit zu reisen. Ich muss körperlich springen, und das kann ich erst seit Kurzem. Ich hoffe, dass alles so funktioniert, wie ich es mir vorstelle.“

Naghûl war nicht ganz klar, was Yelmalis damit meinte. Und obgleich ihn durchaus interessierte, wie die Gabe des Herrschners funktionierte, so war dies nicht der richtige Zeitpunkt für Fragen. Sarin nickte dem Genasi auffordernd zu und der junge Mann atmete noch einmal tief durch.

„Also schön …“ Er konzentrierte sich, dann begann die Luft um ihn herum zu flirren und er war verschwunden. Wie immer, wenn jemand seine Gabe einsetzte, konnte Naghûl keinen arkanen Energiefluss wahrnehmen, ebenso wenig wie Morânia klerikale Energien wahrgenommen hatte. Es schien sich hier um etwas anderes, Uraltes und Geheimnisvolles zu handeln. Und hoffentlich machtvoll genug, um die Wendungen des Schicksals beeinflussen zu können. Sie alle starrten wie gebannt auf die Blutlache.

„Bitte …“, flüsterte Lereia, kaum vernehmbar.

Dann, nur Sekunden später, tauchte Yelmalis wieder auf und hielt sich die Schläfen. Naghûl spürte, wie sich eine schreckliche Kälte in seinem Inneren ausbreitete. Das Blut war noch da … Auch Lereia starrte zu dem Fleck, dann mit ängstlichem Blick zu dem Genasi.

Sarin ballte die Fäuste. „Es ist alles unverändert!“, rief er mit rauer Stimme.

„Ja.“ Yelmalis wirkte sehr erschöpft. Obgleich nur wenige Sekunden vergangen waren, sah er aus, als habe er die Nacht durchgemacht. „Ich weiß. Ich kann nicht ... ich kann es nicht ändern. Es tut mir leid.“

Sarin fasste den Genasi am Arm. „Nein, Ihr müsst!“

„Aber ich kann nicht!“, erwiderte der junge Mann verzweifelt. „Bin ich ein Gott?“

„Ihr müsst es noch einmal versuchen!“, drängte der Paladin.

„Das habe ich!“, versicherte Yelmalis. „Ich habe es dreimal versucht! Ich bin dreimal zurück gegangen und jedes Mal passierte etwas anderes. Aber jedes Mal geschah es!“

„Verzeiht meine Frage“, ergriff nun Kiyoshi seit Langem wieder das Wort. „Aber könntet Ihr versuchen, zu veranlassen, dass sofort nach dem Attentat ein Heiler bei der ehrenwerten Lady Spesinfracta Juliana-sama ist? Indem Ihr etwas weiter zurück geht und die Heiler alarmiert?“

Yelmalis seufzte. „Es sind zwei sehr machtvolle Priester direkt im obersten Geschoss dieses Turmes. Sie waren da und haben alles versucht. Glaubt Ihr, jemand würde hier einen Pfeil abschießen, wo so viele Heiler sind, und nicht auf Nummer Sicher gehen? Sicherstellen, dass keine Heilung möglich ist?“

Sarin schüttelte energisch den Kopf. „Nein.“ Er fasste den Luftgenasi nun auch am anderen Arm. Der Schmerz in seiner Stimme war geradezu überwältigend. „Ihr habt keine Ahnung, was diese Frau mir bedeutet! Was sie für unseren Bund bedeutet! Es muss einen Weg geben!“

Yelmalis Schmetterlinge bewegten sich nun erstaunlich ruhig. Er musterte den Paladin sehr still und sehr lange, dann senkte er den Blick. Sarin begriff sofort.

„Yelmalis ...“ Er schüttelte ihn leicht, aber nicht unsanft. „Es gibt da doch etwas, nicht wahr? Ich sehe es in Eurem Blick. Irgendetwas ist da noch. Etwas, das Ihr nicht verraten wollt.“

Der junge Mann schaute noch einen Moment zu Boden, sah dann aber auf und blickte Sarin fest in die Augen. „Ja, Bundmeister. Etwas gibt es noch.“

„Was?“

„Ich habe das noch nie gemacht“, erklärte der Genasi. „Ich kann nicht sagen, ob es funktioniert. Ich habe nur davon gehört, weil ich seit der Entdeckung meiner Gabe sehr intensiv bezüglich Zeitmechanismen forsche ...“

Erneut schüttelte Sarin ihn sacht. „Redet schon!“

„Man kann ...“ Yelmalis holte tief Luft. „Man kann unter bestimmten Umständen einen Tausch machen. Wenn etwas eigentlich nicht abwendbar wäre, kann man etwas einlösen, wie ein Pfand … etwas Unwiderrufliches.“

„Wer?“, fragte der Bundmeister sofort. „Wer kann das tun?“

Yelmalis schloss kurz die Augen. „Im Grunde jeder ... der es wagt.“

„Gut“, erwiderte der Paladin ohne zu zögern. „Ich mache es.“

„Bundmeister“, wandte Lereia entsetzt ein. „Ihr seid eine zu wichtige Person.“

Yelmalis nickte bekräftigend zu ihren Worten. „Wenn Ihr diesen Schritt tut, Bundmeister, gibt es kein Zurück. Niemals, Zeitreisen hin oder her.“

Sarin winkte energisch ab. „Ich mache es!“

„Was ist das Pfand?“, wollte Lereia wissen. „Jemand anders muss sterben für sie?“

„Die Mechanismen der Zeit sind schwer zu durchschauen“, erklärte Yelmalis. „Und wie gesagt, ich stehe erst am Anfang. Ich kann ... das nicht ganz genau sagen.“

Die Situation entwickelte sich in eine Richtung, die Naghûl ganz und gar nicht gefiel. „Bundmeister Sarin“, schaltete er sich ein. „Bei allem Respekt, ich muss widersprechen. Wenn, dann geht einer von uns dreien, aber nicht Ihr.“

„Ich gebe Naghûl Recht“, kam Lereia ihm zu Hilfe.

Auch Kiyoshi nickte ernst. „Ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui. Es ist meine Aufgabe, Euch zu schützen. Ich würde freudig für Euch dieses Pfand geben.“

„Nein“, erwiderte Sarin, seine Stimme ein wenig heiser. „Das ist meine Aufgabe. Mein Weg. Und nur ich kann ihn gehen.“

Lereia musterte ihn nachdenklich. „Zu wagen beginnen heißt stürzen …“, zitierte sie leise aus seiner Strophe der Prophezeiung.

Sarins Blick war schwer zu deuten, eine Mischung aus Sorge und Entschlossenheit. „Ja, wer weiß ...“ Dann wandte er sich zu Yelmalis. „Tut es.“

Der junge Mann wirkte alles andere als glücklich. „Seid Ihr sicher?“

„Sonst würde ich es nicht sagen“, erwiderte der Paladin. „Tut es.“

Naghûl beschloss, einen letzten Versuch zu wagen. „Ihr seid für Sigil und für uns zu wichtig, Bundmeister Sarin. Ihr müsst vielleicht die Erwählten schützen. Denkt nur, wer bald wieder nach Sigil kommt und dann müsst Ihr auf jeden Fall zur Stelle sein.“

Der Paladin sah mit einem schwachen und erschöpften Lächeln zu Naghûl. „Ich fühle mich geehrt, dass Ihr so viel Glauben in mich setzt.“

„Und wie wir wissen, sind wir ersetzbar“, schob der Sinnsat noch nach. „Ihr nicht.“

„Jeder ist ersetzbar“, erwiderte Sarin leise.

„Denkt auch an Eure Familie“, bat Lereia. „Wir anderen haben weder eine solch wichtige Position im Bund noch im Leben.“

Kiyoshi nahm Haltung an. „Ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui. Ich kann mich nur noch einmal anbieten. Ich bitte Euch, lasst mich dieses Opfer für Euch bringen.“

Sarin nickte langsam. „Ich danke Euch allen. Ich werde das nicht vergessen. Aber das ist ein Weg, den ich alleine gehen muss.“ Er fasste Yelmalis Hand. „Los. Los!“ Sein Tonfall war bestimmt und eindringlich.

Naghûl traf seine Entscheidung innerhalb eines Lidschlags. „Wir gehen alle. Mal sehen, wen es erwischt.“ Und damit griff er ebenso nach dem Luftgenasi.

„Naghûl, nein!“, rief Lereia erschrocken.

Yelmalis sah zu Naghûl, schaute ihm direkt in die Augen und etwas Entschuldigendes war in seinem Blick zu erkennen ... Dann flimmerte erneut die Luft und der Genasi und der Bundmeister waren verschwunden. Naghûl, Lereia und Kiyoshi blieben zurück.

Der Tiefling fluchte – ungeachtet der geheiligten Umgebung der Archoniten-Kathedrale auf Abyssal. Kiyoshi blickte mit versteinerter Miene auf die Stelle, an der Sarin und Yelmalis verschwunden waren. Lereia hingegen ließ ihren Blick über die Zinnen schweifen, dann zu der Stelle mit der Blutlache. Sie stockte.

„Das Blut ... es ist weg. Was ist passiert?“

Fast im selben Moment flimmerte erneut die Luft und Sarin und Yelmalis tauchten an derselben Stelle wieder auf, an der sie verschwunden waren. Der Bundmeister sah ebenso sofort zu den Zinnen hinüber, dann vergrub er erleichtert das Gesicht in den Händen.

Yelmalis atmete tief aus. „Es hat funktioniert.“

Sarin ergriff die Hand des Genasi. „Danke!“

„Dankt mir lieber nicht“, erwiderte Yelmalis leise. „Ihr wisst nicht, was es kosten wird.“

Sarin nickte langsam. „Das wird sich zeigen.“ Dann sah er zu den anderen Erwählten. „Es ist gelungen.“

Naghûl spürte, wie ihn die dunklen Schwingen einer Vorahnung streiften. Etwas Unwiderrufliches war in Gang gesetzt worden, etwas, das ihn schaudern ließ.

Auch Lereia schien es zu spüren. „Was ist passiert?“, fragte sie bang.

Sarin hob die Schultern. „Ich weiß nicht genau, was Yelmalis da gemacht hat ... und wie.“

„Das weiß ich selber nicht so genau …“, murmelte der Genasi.

In diesem Moment hörte man Stimmen aus dem Turm. „Kommt, gehen wir hoch“, sagte ein Mann. „Lady Juliana will eine Wache hier haben, wenn Legat Caine eintrifft.“

„Es wird noch geschehen …“, murmelte Lereia. „Wir könnten den Attentäter suchen.“

„Es wird nicht geschehen“, versicherte Yelmalis. „Aber man darf uns hier nicht sehen, das könnte alles zerstören. Wir müssen weg.“

Sarin nickte und zögerte nicht, das Portal, das sich in dem großen Bodenmosaik befand, zu öffnen. Er hatte offenbar keinerlei Zweifel an Yelmalis Worten, und so beeilten sich die Erwählten, ihm durch das Portal zurück nach Melodia zu folgen, ehe sie jemand sehen konnte.

Wieder auf dem großen Platz vor dem Marduk Schrein angekommen, atmeten sie erst einmal alle tief durch. Sie ließen sich auf zwei marmornen Bänken nieder, die im Schatten einiger Goldbuchen standen. Für eine Weile schwiegen sie, jeder in seine eigenen Gedanken versunken.

Doch Naghûl musste schließlich aussprechen, was ihn beschäftigte. „Ich hatte vorhin so eine dunkle Vorahnung. Was, wenn er dadurch freikommt? Es hieß doch, dass nun etwas anders ist und ein Preis dafür bezahlt werden muss.“

„Ich weiß nicht, von wem Ihr redet“, meinte Yelmalis, dessen Schmetterlinge allmählich wieder ruhiger um ihn schwebten. „Aber der Preis betrifft Bundmeister Sarin allein.“

„Eben“, meinte Lereia. „Es war doch Sarins Weg.“

„Hm.“ Naghûl nickte nachdenklich. „Stimmt auch wieder. Vielleicht doch nur eine düstere, paranoide Befürchtung.“

„Ich habe einen Teil meines Schicksals eingesetzt“, sagte Sarin, ungewöhnlich still. „Nur meines eigenen.“

Lereia seufzte. „Was immer das auch heißen mag …“

„Auf jeden Fall danke ich Euch allen für Eure Bemühungen“, erklärte der Paladin. „Seid versichert, es bleibt unvergessen.“

Kiyoshi salutierte und Naghûl nickte ernst. „Immer wieder gerne, Bundmeister.“

„Oh, Bundmeister.“ Lereia schien sich nun einer anderen Sache aus der Vision zu entsinnen. „Das Pergament, von dem Legat Caine und die Erzbischöfin sprachen … Es war offenbar wichtig, aber auch beunruhigend, und sie wollten unbedingt, dass Ihr davon Kenntnis habt.“

Nun lächelte Sarin ein wenig. „Dann werde ich es gewiss bald unversehrt und vor allem unblutig erhalten.“

So sehr Naghûl ansonsten an einem Rundgang durch die Stadt interessiert gewesen wäre, die jüngsten Ereignisse hatten sogar seine sinnsatischen Entdeckerfreude zeitweilig getrübt. Und da der Bundmeister es ohnehin eilig hatte, nach Sigil zurück zu kehren, verweilten sie nicht mehr lange in Melodia, sondern traten bald den Rückweg in die Stadt der Türen an, voller Fragen und dunkler Vorahnungen.

 

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gespielt am 19. November 2012 

 

 

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