„Der Schatten verdankt seine Geburt dem Licht.“
Elysisches Sprichwort
Zweiter Stocktag von Ligatus, 126 HR
Die Kaserne war ebenso ein Ort der Ordnung und Disziplin wie der Verbundenheit und Kameradschaft – aber oft war sie auch ein Ort des unerbittlichen Lärms. Vom Innenhof her hallten die Rufe der Ausbilder, das Klappern von Stiefeln auf Stein und das Klirren von Waffen wider. Und obgleich sie das an vielen Tagen nicht störte, heute ging es Amariel auf die Nerven, denn sie wollte in Ruhe nachdenken. So stand sie auf und schloss energisch das auf den Hof blickende Fenster ihres Büros, um die ablenkende Geräuschkulisse auszusperren. Die Schattendiebstähle. Sie waren zurückgekehrt, wie lästige Schädelratten, die wieder aus der Kanalisation hervorkrochen, nachdem man sie vernichtet geglaubt hatte. Monatelang hatte Sigil in dem Glauben gelebt, die Sache sei erledigt, abgehakt als eines der vielen ungelösten Rätsel des Käfigs. Damals, vor einigen Monaten, waren die verschwundenen Schatten plötzlich zu ihren Besitzern zurückgekehrt. Den Opfern war es wieder gut gegangen, man hatte keine bleibenden Schäden feststellen können. Trotz eingehender Suche hatte der mit dem Fall betraute Dekurio Nallart letztlich nicht aufdecken können, wer hinter den Diebstählen gesteckt hatte. Da es aber nicht zu weiteren Vorkommnissen gekommen war und die Ermittler in Sigil ohnehin immer alle Hände voll zu tun hatten, war der Fall zu den Akten gelegt worden. Doch nun waren erneut Schatten gestohlen worden. Drei, um genau zu sein, und die Opfer hatten sich in der Kaserne eingefunden, um ihre Angaben dazu zu Protokoll zu geben. Amariel hatte die Aussage von Yorinda Nebelschwinge aufgenommen. Die Tieflingsfrau vom Prädestinat hatte sich kühl und distanziert gegeben, aber unter der polierten Fassade hatte Amariel auch etwas Zerbrechliches wahrgenommen – eine Angst, die über den Verlust ihres Schattens hinauszugehen schien. Was stehlen sie wirklich? , fragte sie sich. War ein Schatten mehr als nur die Abwesenheit von Licht? Die innere Leere, die die Opfer verspürten, schien dafür zu sprechen. Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Die Tür öffnete sich, und Nallart trat ein, gefolgt von Jostos. Der Zwerg, der auch Kiyoshis Ausbilder war, war ein Veteran des Harmoniums und trug die Spuren vieler Kämpfe in seinem wettergegerbten Gesicht. Jostos, eine rothaarige Halbelfe, half oft Lady Diana in der Empfangshalle der Kaserne, war aber derzeit ihrer Einheit für die Schattendiebstähle zugeteilt.
„Der Segen der Dame, Dekuria Amariel“, grüßte Nallart mit seiner rauen Stimme. „Wir sind gerade mit der Befragung der beiden anderen Opfer fertig. Wollen wir mal sehen, was wir haben?“
„Yorinda Nebelschwinge ist besorgt“, erwiderte Amariel, während sie den beiden einen Sitzplatz anbot. „Mehr, als sie zugeben will.“
„Torgan erschien mir einfach nur verärgert“, erklärte Jostos. „Er sieht wohl eine persönliche Beleidigung darin, dass ihm sein Schatten gestohlen wurde. Er ist sicher, dass es sich um den Racheakt eines verärgerten Bürgers handelt, dem er keinen Gesprächstermin bei Faktor Lucius Atkins gegeben hat.“
Nallart brummte. „Ein verärgerter Bürger, der zufällig so eine seltene Art von Schattenmagie beherrscht? Ich glaube nicht.“ Er ließ sich auf dem Stuhl nieder, der unter seinem Gewicht und dem seiner Plattenrüstung ein wenig ächzte. „Die Aasimar, die ich befragt habe, Lyria Sternenstaub, ist ... anders. Sie sprach von einem Gefühl der Befreiung, als ihr Schatten verschwand. Fast, als hätte sie etwas verloren, das sie belastet hat.“
„Hm, tragen wir doch einmal zusammen, was wir bislang haben“, meinte Amariel. „Fangen wir mit dem Zwerg von den Zeichnern an.“
Jostos nickte und schlug ihr Notizbuch auf. „Torgan Roteisen ist ein alter Griesgram, daran gibt es keinen Zweifel. Aber er ist auch ein Pedant, was Details angeht. Er erinnert sich genau an den Zeitpunkt, als es passierte: Fünfzehn Minuten vor Zenit, als er gerade eine Urkunde für einen Schmied namens Baruk ausstellte. Er sagte, er habe ein leises Wispern gehört, wie das Rascheln von Pergament, und dann war plötzlich sein Schatten weg.“
„Das Wispern erwähnen alle Opfer“, warf Amariel ein. „Es scheint ein wiederkehrendes Detail zu sein. Torgan konnte es nicht genauer beschreiben, oder?“
Jostos schüttelte den Kopf. „Leider nein. Nur ein leises Zischen, wie kalte Luft. Er dachte zuerst, es sei Zugluft, aber alle Fenster waren geschlossen. Er schien verunsichert darüber zu sein, dass es in der Halle der Redner passiert ist, wo er sich normalerweise sicher fühlt.“
Als die Triaria nichts hinzuzufügen hatte, sah Amariel zu Nallart.
Der alte Zwerg kramte in seiner abgenutzten Tasche und zog eine zerfledderte Schriftrolle hervor. „Ich habe Lyria Sternenstaub befragt, eine Archivarin ohne Bundzugehörigkeit. Sie verlor ihren Schatten, als sie in einem abgelegenen Teil der Bibliotheca Epiphania im Kuratorenbezirk arbeitete. Sie war gerade dabei, alte Folianten zu ordnen, als es passierte. Es war bereits früher Abend und sie war fast alleine, aber ein paar andere Gelehrte befanden sich noch im Hauptbereich der Bibliothek. Sie ist ... ungewöhnlich. Sehr ruhig, sehr abgeklärt. Sie hat den Vorfall beschrieben, als wäre es etwas, das sie erwartet hatte. Sie sagte, sie habe sich schon seit einiger Zeit beobachtet gefühlt, als ob eine unsichtbare Präsenz in ihrer Nähe war. Als ihr Schatten dann verschwand, beschrieb sie es als ein Gefühl der Leichtigkeit, als würde eine schwere Last von ihr genommen.“
Amariel runzelte die Stirn. „Eine Last? Was meinte sie damit?“
„Das war alles etwas merkwürdig“, antwortete Nallart. „Sie sagte, es sei, als ob ihr Schatten eine Art Erinnerung oder Verpflichtung repräsentierte, die sie nun nicht länger tragen muss. Sie schien fast erleichtert, dass er weg war. Sie erwähnte auch, dass sie in den Stunden vor dem Diebstahl immer wieder das Gefühl hatte, dass etwas durch die Bibliothek schwebte. Wie ein Schatten ohne Körper.“
„Ein Schatten ohne Körper ...“, murmelte Amariel. „Das klingt nach etwas aus einem Märchen.“
Nallart schnaubte. „In Sigil sind Märchen oft die hässliche Wahrheit in Verkleidung. Und was hat die Tieflingsfrau gesagt?“
Amariel seufzte erneut. „Yorinda Nebelschwinge war vorsichtig, kontrolliert, wie man es von einer Nehmerin erwarten würde. Sie verlor ihren Schatten in ihrem Büro in der Halle der Aufzeichnungen, als sie spät abends an einem Vertrag arbeitete. Sie erinnert sich an einen kalten Luftzug und ein leises Rascheln, ähnlich wie Torgan. Aber sie betonte, dass sie keine Ahnung habe, wer dahinterstecken könnte. Sie tat es als einen Streich ab oder als Folge der Beschädigung eines Fensters.“
„Hat sie irgendwelche Feinde?“, fragte Jostos. „Als Faktotum des Prädestinats könnte das schon sein, oder?“
„Nach ihrer eigenen Aussage keine, die zu so etwas fähig wären“, antwortete Amariel. „Sie erwähnte aber, dass der Vertrag, an dem sie arbeitete, von großer Bedeutung ist. Es geht um die Kontrolle über eine lukrative Handelsroute in den Außenländern. Sie meint, dass vielleicht jemand von der Konkurrenz versucht, sie einzuschüchtern.“
Nallart kratzte sich den Bart. „Also haben wir einen Griesgram, der Rache wittert, eine Aasimar, die sich befreit fühlt, und eine Tieflingsfrau, die möglicherweise eingeschüchtert werden sollte. Alle haben ein Wispern gehört und einen kalten Luftzug gespürt, aber das Einzige, was sie ansonsten gemeinsam haben, ist, dass sie sich im Kuratorenbezirk aufgehalten haben.“
Amariel lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Das Muster ist vage, aber die Konzentration auf den Kuratorenbezirk ist auffällig. Doch warum gerade dieser Bezirk?“
„Vielleicht gibt es einen Sammler, einen Magier oder einen verrückten Künstler, der diese Schatten begehrt“, überlegte Jostos. „Oder jemand braucht sie für ein dunkles Ritual.“
„Oder vielleicht ...“ Amariel spielte nachdenklich mit dem Federkiel in ihren Händen. „Vielleicht suchen die Diebe gar nicht die Schatten selbst. Vielleicht sind sie auf der Suche nach etwas anderem und die Schatten sind nur ein Nebeneffekt.“
„Wie meint Ihr das?“, fragte Jostos.
„Der Kuratorenbezirk ist ein Zentrum des Wissens und der Macht“, erklärte Amariel. „Die Halle der Redner, die Halle der Aufzeichnungen, die Bibliothek – all diese Orte beherbergen wertvolle Informationen und Geheimnisse. Vielleicht suchen die Diebe dort nach etwas Bestimmtem, und der Diebstahl der Schatten ist eine Art Ablenkung oder eine Methode, um ihre Spuren zu verwischen.“
Nallart rieb sich den Nacken. „Ja, wer weiß? Das alles ist reichlich verzwickt, da sollten wir nichts ausschließen. Es sei denn, es ist viel simpler: Vielleicht ist das Ziel einfach nur, Chaos zu stiften und die Ordnung im Kuratorenbezirk zu untergraben.“
„Und wir müssen uns fragen, warum gerade jetzt?“, gab Amariel zu bedenken. „Warum sind die Diebstähle nach so langer Zeit wieder ein Thema?“ Die Halbelfe stand auf und blickte aus dem Fenster. Die Stadt Sigil war ein Irrgarten aus Möglichkeiten und Gefahren, und sie und ihre Kameraden auf der Jagd nach einem Schatten-Dieb, der in diesem Labyrinth verschwunden war.
„Reden wir mit Präfekt Feuerherz“, sagte sie dann. „Er muss über die Tragweite dieser Angelegenheit informiert werden.“
Runako Feuerherz war schon seit vielen Jahren Mitglied des Harmoniums und einer der angesehensten Faktoren des Bundes. In Abwesenheit von Tonat Shar war der Leonin Sarins Stellvertreter und rechte Hand. Da der Bundmeister sie angewiesen hatte, im Fall der Schatten-Diebstähle alle wichtigen Entwicklungen an Präfekt Feuerherz weiterzuleiten, hatte Amariel ihn nach der Befragung der Opfer umgehend aufgesucht und dabei Dekurio Nallart und Triaria Jostos mitgenommen. Als sie das Büro des Präfekten betraten, wurde Amariel einmal mehr bewusst, dass es sowohl seine militärische Disziplin widerspiegelte als auch seinen tiefen Glauben, der ihm als Paladin der Ba en Aset natürlich besonders wichtig war. Neben einem großen Fenster, das einen guten Blick auf den Bezirk der Dame bot, stand ein massiver Schreibtisch aus poliertem Goldholz. Darauf befanden sich lediglich ein paar sorgfältig geordnete Dokumentenstapel, ein Federhalter aus einer Drachenklaue und eine kleine, bronzene Statue von Ba en Aset, die eine Waage hielt. Amariel musste innerlich ein wenig schmunzeln, als sie den ordentlichen Arbeitsplatz mit dem ihres Bundmeisters verglich. Sarins Schreibtisch war stets ziemlich unaufgeräumt und für das Oberhaupt eines rechtschaffenen Bundes untypisch chaotisch. An der Wand gegenüber der Tür hing ein Banner des Planaren Harmoniums, und in Wandhaltern darunter befanden sich ein langer Säbel und ein Schild, tadellos gepflegt und mit heiligen Symbolen Ba en Asets verziert. Ein kleines Regal beherbergte eine Sammlung von Gesetzbüchern, militärischen Handbüchern und heiligen Schriften. Der Präfekt hatte sie mit seiner vollen Stimme herein gebeten und stand hinter seinem Schreibtisch, als sie eintraten. Mit etwa 2,20 m überragte er die meisten Humanoiden deutlich, war dabei für einen Leonin aber von durchschnittlicher Größe. Er hatte sandfarbenes Fell, eine etwas dunklere Mähne und grüne Augen und trug eine im Stil seiner Heimat Tharpura gravierte Plattenrüstung aus Mithral. Während Amariel, Jostos und Nallart ihre Erkenntnisse vortrugen, hörte er aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen oder Ungeduld zu zeigen.
Als die Halbelfe dann ihre Zusammenfassung beendet hatte, nickte Runako langsam. „Das sind beunruhigende Neuigkeiten“, sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme. „Abgesehen von dem Verbrechen an sich sind die Verunsicherung und die Angst, die solche Taten in der Bevölkerung säen, genauso gefährlich wie jede körperliche Bedrohung.“
„Wir glauben, dass die Diebstähle gezielt im Kuratorenbezirk stattfinden“, erklärte Amariel. „Wir sind uns jedoch noch nicht sicher, ob die Schatten selbst das Ziel sind oder ob es sich hier nur um einen Nebeneffekt handelt.“
„Ich verstehe“, erwiderte Runako. „Wir müssen handeln, bevor diese Diebstähle außer Kontrolle geraten. Ich werde sofort einige Maßnahmen anordnen.“ Er ging zum Fenster, um auf die unter ihm liegende Stadt zu blicken. „Wir werden die Anzahl der Patrouillen im Kuratorenbezirk verdoppeln, insbesondere in den Abendstunden und in der Nähe der Halle der Aufzeichnungen und der Halle der Redner. Wir werden außerdem zusätzliche Laternen aufstellen und bestehende Laternen reparieren, um die Straßen besser zu beleuchten. Besucher öffentlicher Gebäude müssen sich ausweisen und ihre Taschen kontrollieren lassen, für den Fall, dass für die Diebstähle ein magischer Fokus, eine arkano-mechanische Gerätschaft oder etwas ähnliches benutzt wird.“
Jostos notierte die Anordnungen des Präfekten in ihrem Notizbuch und Nallart nickte zustimmend.
Als Runako sich wieder zu den Ermittlern umdrehte, war seine Miene unverändert ernst. „Ich werde zudem anordnen, magische Barrieren in den Hallen der Aufzeichnungen und der Redner zu errichten, um speziell Schattenmagie abzuwehren. Sie sind zwar teuer, bieten aber einen guten Schutz. Wir werden natürlich auch eine Belohnung für Hinweise aussetzen, die zur Ergreifung der Diebe führen.“ Mit diesen Worten nahm der Präfekt wieder hinter seinem Schreibtisch Platz. Er blickte Amariel, Jostos und Nallart eindringlich an. „Danke für Euren Bericht. Ich zähle auf Euch, dass Ihr diesen Fall löst.“
Nallart brummte missvergnügt. „Jawohl, Herr. Diesmal sollen die Kerle mir nicht durch die Lappen gehen!“
Amariel wusste, dass es den Zwerg ziemlich wurmte, dass er bei den ersten Diebstählen einige Monate zuvor nicht mehr hatte herausfinden können.
Doch Runako Feuerherz lächelte beschwichtigend. „Keine Sorge, Dekurio“, sagte er. „Ihr hattet damals keine Chance mehr zu tun. Der Fall wurde absolut berechtigt als nicht lösbar zu den Akten gelegt. Das hat Legat Shar auch so bestätigt.“
Obgleich Nallart widerstrebend nickte, so war ihm doch anzusehen, dass er erst würde zufrieden sein, wenn die Schattenräuber gefasst waren.
„Wir werden unser Bestes tun“, versprach Amariel. „Wir werden die Täter finden und sie vor Gericht bringen.“
„Ich habe keinen Zweifel daran“, erklärte der Präfekt. „Aber seid vorsichtig. Es könnte mehr hinter dieser Sache stecken, als wir ahnen. Geht mit Bedacht vor und holt Euch Unterstützung und Verstärkung, falls nötig.“
Mit diesen Worten entließ Runako sie. Amariel, Jostos und Nallart verließen sein Büro und traten wieder in den breiten Korridor der Kaserne. Entschlossen nickten sie einander zu: Sie waren sich der Schwere der Aufgabe bewusst, aber auch überzeugt, dass sie in der Lage sein würden, sie zu lösen. Doch nun hatte Nallart eine Übungseinheit mit Kiyoshi und Jostos musste Lady Diana bei einem Empfang für einen Faktor der Bruderschaft der Ordnung helfen. So machte Amariel sich auf den Weg zu ihrem Quartier, um noch einmal in Ruhe alle Details des Falles durchzugehen. In ihre Gedanken versunken schritt die Halbelfe die Korridore der Kaserne entlang, als jemand sie unerwartet von hinten ansprach und aufschrecken ließ.
„Dekuria Amariel.“
Die Stimme war tief und melodisch, aber die Halbelfe fuhr dennoch zusammen. Sie blieb stehen, drehte sich langsam um und ihr Herz setzte für einen Moment aus. Lord Valiant. Seine alabasterfarbene Haut schien das spärliche Licht des Korridors aufzufangen und seine blauen Augen strahlten mit der Intensität der Himmel. Die gewaltigen, weißen Schwingen, die hinter ihm aufstiegen, schienen den Raum um ihn herum zu verkleinern. Er war überwältigend, aber einschüchternd, wie stets.
Amariel zwang sich zu einer höflichen Verbeugung. „Lord Valiant. Es ist mir eine Ehre.“ Sie spürte, wie ihr das Blut ein wenig in die Wangen stieg. - Sie hasste es, dass er sie so nervös machte.
Valiant lächelte, ein gewinnendes Lächeln, in dem dennoch etwas Kaltes und Berechnendes lag. „Die Ehre ist ganz meinerseits, Dekuria. Ich habe von Eurer Arbeit gehört. Bundmeister Sarin hatte nur lobende Worte für Euch.“
Lobende Worte? Sarin war jemand, der selten direktes Lob aussprach, und zudem war sie skeptisch, ob er mit Valiant über ihre Arbeit reden würde. Sie versuchte jedoch, sich nichts anmerken zu lassen. „Ich diene dem Bund, so gut ich kann, Großinquisitor.“
„Eure Bescheidenheit ehrt Euch“, sagte Valiant schmunzelnd und Amariel hatte den Eindruck, dass er sie durchschaute. „Aber ich habe Euch natürlich nicht nur aufgehalten, um Höflichkeiten auszutauschen. Ich habe gehört, dass Ihr an dem Fall der jüngsten Schattendiebstähle arbeitet.“
Amariel versteifte sich innerlich. Wie viel wusste er? Und warum interessierte er sich dafür? „Das ist zutreffend, Herr.“ Sie bemühte sich um einen ruhigen und sachlichen Tonfall. „Es ist eine beunruhigende Angelegenheit.“
„In der Tat“, erwiderte Valiant ernst. „Schatten sind ein mächtiges Symbol. Ihre Entwendung könnte das Gleichgewicht in der Stadt auf gefährliche Weise stören.“ Er kam einen Schritt näher, und Amariel spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Der Großinquisitor weckte eine merkwürdige Wachsamkeit in ihr. „Sarin wird sicherstellen, dass Ihr für diesen Fall die nötige Unterstützung bekommt, nicht wahr?“
Die Halbelfe atmete tief durch. Sie wusste natürlich um die angespannte Beziehung zwischen Valiant und Sarin, um die Differenzen, die in der Vergangenheit zu einem Bruch geführt hatten. Und sie wusste auch, dass die beiden Männer früher befreundet gewesen waren. Dasselbe traf auch auf Killeen und Legat Shar zu. Sie hatte ihren Bruder einmal nach den Gründen für das Ende dieser Freundschaft gefragt, aber er hatte ihr erklärt, dass sie selber nicht wussten und nie hatten ergründen können, woher Valiants plötzliche Wesensänderung gekommen war. Sie hatte jedoch erkannt, dass sowohl Schmerz als auch Wut bei allen dreien tief saßen.
So nickte sie nur und bemühte sich, dem Blick des Großinquisitors möglichst gelassen standzuhalten. „Bundmeister Sarin hat uns alle Ressourcen zur Verfügung gestellt, die wir benötigen, Herr“, antwortete sie fest. „Wir werden unser Möglichstes tun, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.“
Valiant musterte sie eingehend, seine blauen Augen bohrten sich in ihren. „Ich bin sicher, das werdet Ihr. Mein alter Freund Sarin hat gewiss klug gewählt, Euch zu seiner Adjutantin zu machen.“ Er lächelte wieder, und Amariel spürte, wie ein Schauer über ihren Rücken lief. „Ich wünsche Euch viel Erfolg bei Euren Ermittlungen. Und zögert nicht, mich zu kontaktieren, falls Ihr Hilfe benötigt.“
Mit diesen Worten nickte Valiant ihr freundlich, aber gönnerhaft zu und schritt davon. Amariel sah ihm nach, bis er um die Ecke des Korridors bog. Erst dann gestattete sie sich ein tiefes Durchatmen. Nicht nur die Schattenräuber waren zurück, auch Valiant, und früher als erwartet. Seine Anwesenheit verunsicherte sie, denn sie traute ihm nicht, war sicher, dass er etwas verbarg. Und sie wusste, dass seine Worte eine Warnung waren, eine subtile Drohung, die sie nicht ignorieren konnte. Als sie den Weg zu ihrem Quartier fortsetzte, schwor sie sich, diesen Fall zu lösen, nicht nur für Sigil, sondern auch für Sarin. Und sie würde Lord Valiant im Auge behalten. Denn eines war sicher: Die Schatten von Sigil waren dunkler und gefährlicher geworden, seit er zurückgekehrt war.




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