„Aller Dinge sind drei.
Einmal ist Glück, zweimal ist Zufall. Dreimal ist eine Regel.“
Regel der Drei
Zweiter Dametag von Ligatus, 126 HR
Sarin stand an dem langen Besprechungstisch in seinem Büro und wartete auf die Erwählten, die er wegen des geheimnisvollen Pergaments zu sich bestellt hatte, das Juliana in Kürze nach Sigil bringen würde. Dass sich unter diesen Erwählten ein Anarchist befand, gefiel ihm nach wie vor ganz und gar nicht. Er hatte sich zwar von Erin und den anderen davon überzeugen lassen, dass Sgillin sich aus reinem, planlosem Unwissen heraus der Revolutionsliga angeschlossen hatte – selbst sein eigener Soldat Kiyoshi hatte dies so gesehen und bestätigt. Das war aber auch der einzige Grund, warum der Halbelf nicht in einer Zelle saß und es bedeutete auch nicht, dass es ihm deswegen besser gefiel. Vor dem Hintergrund der verfluchten Prophezeiung war es jedoch etwas, mit dem er sich wahrscheinlich abfinden musste, auch wenn es ihm persönlich und philosophisch noch so sehr gegen den Strich ging. Er hoffte und betete, dass diese Sache ihm nicht eines Tages äußerst schmerzhaft auf die Füße fallen würde. Da diese Gedanken reichlich unangenehm waren, war er durchaus dankbar, durch ein Klopfen an der Tür darin unterbrochen zu werden. Nun, immerhin waren die Erwählten pünktlich. Als Naghûl, Kiyoshi, Jana und Sgillin eintraten und sich zum Gruße verneigten, nickte Sarin ihnen zu.
„Der Segen der Dame. Bitte nehmt Platz.“ Er wies auf den langen Besprechungstisch, an dem die Erwählten bereits gesessen hatten, als sie ihm damals über Eliath berichtet hatten. Kiyoshi setzte sich besonders weit weg von Sarin. Wenn es dafür einen Grund gab, so schienen auch die anderen Erwählten ihn nicht zu kennen, denn sie maßen seinen Soldaten mit irritiertem Blick.
„Habt Ihr Angst, dass ich Euch beiße, Soldat?“, fragte der Paladin daher in seiner direkten Art.
„Nein, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui“, erwiderte Kiyoshi ernst. „Aber als einfacher Soldat steht es mir nicht zu, Euch so nahe zu sitzen.“
Ah ja, wieder eine der vielen Konventionen Kamigawas, dachte Sarin bei sich. Nun musste er doch etwas schmunzeln. „Wenn Offiziere hier anwesend wären, hättet Ihr wohl Recht. Die Betonung liegt auf wären.“ Als Kiyoshi unschlüssig wirkte, wie er reagieren sollte, machte er ihm ein Zeichen, sitzen zu bleiben. „Egal. Kommen wir zur Sache. Ihr ahnt gewiss, weswegen ich Euch habe rufen lassen.“
Naghûl blickte ihn fragend an. „Ehrlich gesagt … Also, ich vermute, wegen Lawshredder vielleicht?“
Diese Antwort hatte Sarin nicht erwartet und runzelte daher zweifelnd die Stirn. „Ehrlich gesagt, es geht um das Pergament, das meine Frau Euch gegenüber erwähnte. Das aus der Vision.“
„Oh ja, natürlich.“ Der Tiefling räusperte sich verlegen. „Verzeiht, Bundmeister, aber wir sind auch mit der Allgemeinsituation überfordert, und manchmal mag man etwas verwirrt und vergesslich sein. Also, ich zumindest.“
Sarin konnte nicht anders als vielsagend eine Braue zu heben. „Es beruhigt mich ungemein, dass die Erwählten der Prophezeiung verwirrt und vergesslich sind.“
„Ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui“, kam Kiyoshi dem Sinnsaten zu Hilfe. „Ich bin mir sicher, dass der ehrenwerte Naghûl-san nur einen seiner schwer zu verstehenden Scherze gemacht hat.“
Naghûl verzog peinlich berührt den Mund und wandte den Blick ab, der kleine Lapsus war ihm offenbar durchaus unangenehm. Jana ersparte es ihm jedoch, etwas erwidern zu müssen, indem sie plötzlich drauflos redete.
„Ich habe manchmal das Gefühl, als säßen wir alle im selben Boot in einem Sturm. In einem schlimmen, schlimmen Sturm, und würden einfach nur irgendwohin treiben.“
Sgillin sah Jana ein wenig zweifelnd an, doch ausnahmsweise konnte Sarin die Gedanken der Hexenmeisterin nachvollziehen. „Gar nicht schlecht beschrieben“, stimmte er daher zu. „Nützt aber nichts. Wir stecken da drin und müssen nun das Beste daraus machen. - Also gut, ich sprach von dem Pergament, das in der Festung der Archoniten in Excelsior gefunden wurde.“
Jana nickte. „Und Kiyoshi soll nun versuchen, es zu lesen.“
„Richtig“, bestätigte Sarin. „Lady Juliana wird gleich hier eintreffen, mit dem nämlichen Pergament.“
„Oh wirklich?“ Naghûl setzte sich erwartungsvoll auf. Er wirkte ehrlich begeistert über die Aussicht, die ehemalige Bundmeisterin des Harmoniums zu treffen, und es war eine gewisse Ehrfurcht in seinen Tonfall gemischt.
Sarin nickte. „Ja, wirklich. Und nur, um es gesagt zu haben: Ich erwarte von jedem in diesem Raum ein angemessenes Verhalten.“ Er konnte nicht verhindern, dass sein Blick dabei zu Jana wanderte.
Die Hexenmeisterin setzte sich prompt etwas aufrechter hin. „Selbstverständlich, Bundmeister.“
Auch Naghûl sah zu Jana. „Natürlich“, erklärte er. „Eine angemessene Begrüßung versteht sich von selbst.“
„Was guckst du mich dabei so an?“, brummte die Athar missgestimmt.
Sarin nickte zu den Worten des Sinnsaten. „Richtig. Eine gebührende Begrüßung, Anrede und ein angemessenes Verhalten im Gespräch. Ich möchte hier nicht blamiert werden.“
Jana verschränkte die Arme und setzte eine beleidigte Miene auf, doch Sarin beachtete sie nicht weiter, da es in diesem Moment an der Tür klopfte. Der Bundmeister stand auf und atmete dabei tief durch, die Erwählten erhoben sich ebenso – vollzählig, wie er zufrieden feststellte.
Einer der beiden wachhabenden Offiziere trat ein und kündigte den hochgestellten Besuch an: „Ihre Erhabenheit Erzbischöfin Juliana Spesinfracta, ehemalige Bundmeisterin des Harmoniums.“
Die Erwählten verneigen sich tief, auch Jana achtete diesmal das Sigiler Protokoll. Dann trat der Offizier beiseite und Juliana kam herein. Sie trug ein vornehmes, weiß-goldenes Kleid und hatte das graue Haar, wie fast immer, hochgesteckt und mit einem Diadem geschmückt, das ihren Rang als Erzbischöfin der Archoniten anzeigte. Die einstige Bundmeisterin hatte stets etwas Aristokratisches und Autoritätseinflößendes, wirkte dabei aber ruhig und gelassen. Als er sie nun in sein Büro treten sah, durchströmte Sarin eine Erleichterung, die er nicht in Worte hätte fassen können. Nach dem Schock, sie verloren zu glauben, nachdem er erfahren hatte, wie grauenvoll es sich anfühlte, hätte man sie ihm auf diese Art entrissen, wurde ihm mehr als je zuvor bewusst, wie wichtig sie ihm war. Sie konnte es in diesem Moment nicht ahnen, sie wusste nicht, wie sehr auf Messers Schneide eben dieses Treffen jetzt gestanden hatte. Er würde es ihr erzählen – erzählen müssen, denn etwas Derartiges konnte und durfte er nicht vor ihr verheimlichen. Und sie würde ihn dafür tadeln, so viel für sie aufs Spiel zu setzen. Aber nicht jetzt, nicht in diesem Moment. Dieser Moment gehörte ihm, die Freude darüber, sie noch bei sich zu wissen. So schritt er auf sie zu, und sie nickte lächelnd.
„Bundmeister Sarin“, grüßte sie ihn.
Er beugte das Knie vor ihr, neigte den Kopf und küsste ihre Hand - eine sehr förmliche Begrüßung, die er ihr nicht immer entgegenbrachte und auch erst, seit sie Erzbischöfin war. Es war seine, Killeens und Tonats Art, ihr den Respekt zu bekunden, den sie ihr gegenüber verspürten, ihr zu zeigen, dass sie noch immer einen Einfluss auf sie hatte, der weit über ihr Bundmeisteramt hinaus ging.
In dieser Situation hatte Juliana offenbar nicht damit gerechnet, denn sie wirkte ein wenig überrascht. „Ich danke für den Kniefall, Sarin“, sagte sie förmlich. „Wir beide wissen, dass Ihr nicht dazu verpflichtet seid.“
Er lächelte warm. „Wem, wenn nicht Euch, Herrin?“
„Ich fühle mich geehrt.“ Sie erwiderte das Lächeln, und als er sich erhob, breitete sie die Arme aus. „Sarin“, sagte sie, nun deutlich weniger formell.
Er umarmte sie kurz, aber herzlich. „Juliana. Ich kann Euch nicht sagen, wie sehr ich mich freue, Euch zu sehen.“
„Ich freue mich auch.“ Sie drückte noch einmal seine Hand und sah dann zu den Erwählten. „Sind sie das?“
Sarin nickte und deutete von links nach rechts, während er sie vorstellte: „Naghûl Ka'Tesh, Jana Wetter, Kiyoshi und Sgillin.“
Alle vier neigten den Kopf, als die Erzbischöfin sie grüßte, jeden einzelnen kurz und forschend, aber nicht unfreundlich musterte. Sie wusste noch nicht konkret über Sgillins Bundzugehörigkeit Bescheid. Etwas derartig Brisantes hatte Sarin ihr nicht anders als unter vier Augen mitteilen wollen. Damit sie nicht vollkommen ahnungslos in das Gespräch ging, hatte er ihr aber mitgeteilt, dass mit Sgillins Person besondere und eher unorthodoxe Umstände verbunden waren.
Schließlich nickte sie und hob den Schriftrollenbehälter, den sie schon seit dem Eintreten in der Hand gehalten hatte. „Nun gut, dann sehen wir es uns an, oder?“
„Sehr gerne.“ Sarin deutete auf das Kopfende des langen Tisches, seinem eigenen Platz gegenüber, und rückte ihr den Stuhl zurecht, als sie Platz nahm.
Juliana zog das Pergament aus dem Behälter, legte es vor sich ab und streifte es glatt. „Wo sind die anderen Erwählten, wenn ich fragen darf?“
„Meine Gemahlin lässt sich entschuldigen“, erklärte Naghûl. „Aber ihre Bundmeisterin Rhys hatte sie für eine wichtige Unterredung zu sich gerufen.“
„Meine Gefährtin lässt sich ebenfalls entschuldigen“, fügte Sgillin hinzu. „Sie ist noch bei Bundmeister Ambar auf der Ätherebene.“
Juliana nickte. „Gegen die Pflichten gegenüber dem eigenen Bundmeister kann niemand etwas einwenden.“
Sie wandte ihren Blick schon zu Kiyoshi, doch Sarin sah in dem Treffen noch eine andere Gelegenheit, die er nicht verstreichen lassen wollte. „Ehe wir uns um das Pergament kümmern, habe ich noch eine Frage an Jana“, sagte er daher. „Jana, Ihr hattet vor einigen Monaten eine Vision. Ihr saht die Bundmeister Ambar, Erin, Terrance, Rhys und auch mich. Ihr wisst, welche ich meine?“
„Ja, ich ...“ Die Hexenmeisterin räusperte sich. „Nur zu gut, Bundmeister.“
„Die Frau, deren Kleid ich küsste …“ Er blickte zu der Erzbischöfin hinüber. „War es Juliana?“
Seine ehemalige Bundmeisterin sah interessiert zu Jana. Von dieser Vision hatte Sarin ihr bereits erzählt, sie wusste daher, wovon die Rede war.
Jana betrachtete die Erzbischöfin einen kurzen Moment und schüttelte dann den Kopf. „Nein. Ich bin mir sicher, das Bild war sehr klar. Es war eine andere Frau, die ich in der Vision sah.“
Juliana musterte Sarin nachdenklich. „Sehr interessant. Gefällt mir nicht, Sarin.“
Er schmunzelte. „Ich versichere Euch meiner ungeteilten Ergebenheit, Herrin.“ Auf einen mahnenden Blick von ihr hin wurde er wieder ernster. „Nein wirklich, mir auch nicht. Dann müssen wir herausfinden, wen die Vision zeigt. Aber das ist jetzt nicht Thema. Ich wollte nur die Begegnung mit Jana nutzen, um diese Frage zu klären. Jetzt geht es um das Pergament.“
Erneut wollte sich Juliana an Kiyoshi wenden, doch abermals wurde sie unterbrochen, diesmal von Jana – wenngleich eher indirekt. Die Hexenmeisterin wurde plötzlich blass, stützte sich mit den Ellbogen auf der Tischplatte ab und versuchte, kontrolliert und gleichmäßig zu atmen. Sarin wollte sie fragen, ob sie wieder eine Vision hatte, doch der Raum verschwamm vor seinen Augen und löste sich wie in einer dunklen Spirale aus Rauch und Nebel auf. Es war ähnlich wie damals, als Jana ihn schon einmal in eine ihrer Visionen mitgenommen hatte. Doch damals hatten sie ein Gespräch aus der Vergangenheit gesehen, zwischen ihm, Killeen und Valiant. Diesmal bot sich ihm ein ganz anderes Bild ...
Eine große Festung in einer höllischen Umgebung … scharlachfarbener Himmel, eine dick aufgeschwollene, rote Sonne, eine zerfurchte Landschaft … Er schien auf die Festung zuzufliegen. Sie war gespalten, als hätte ein gewaltiger Blitz sie zerschlagen, war an beiden Hälften eines enormen Abgrundes gebaut. Als er näher kam, erkannte er, sie war von Scheusalen bevölkert … Tanar'Ri. Er flog durch eines der Fenster, sauste durch lange Gänge ... schnell, immer schneller ... und tiefer ... von den Türmen über die unteren Geschosse in die Tiefe, in Gänge, die weit unter dem Fels liegen mussten … Dann hielt er inne … er schwebte in einem großen Raum ... eine Art Gewölbe, mit scheusalhaften Ornamenten geschmückt. In der Mitte ein großer, verzierter Steinblock … ein Sarg? Der Deckel öffnete sich, glitt zur Seite … Darin schimmerte etwas … Ein Schwert, ein Katana mit sehr heller Klinge. Die Klinge wirkte nicht wie Metall …
Als er wieder erwachte, stand Juliana neben ihm. Sie hielt seinen Kopf in beiden Händen, den sie offenbar gerade angehoben hatte. Ja, genau wie das letzte Mal. Jana hatte eine Vision geteilt und er war für deren Dauer weggetreten gewesen. Als die Erzbischöfin ihn sacht losließ, schüttelte er benommen den Kopf und sah von der besorgten Juliana zu Jana. „Bei allen Höllen, das wart wieder Ihr, nicht wahr?“
„Na.“ Trotz ihrer Sorge bedachte Juliana ihn bei seinem Fluch mit einem tadelnden Blick.
Er räusperte sich entschuldigend. „Verzeihung, Herrin.“ Sgillins Grinsen bemerkte er wohl aus dem Augenwinkel, und er konnte es ihm nicht einmal verdenken. Es musste gewiss erheiternd für Außenstehende sein, zu sehen, dass selbst der Bundmeister des Harmoniums nicht jenseits einer gelegentlichen Maßregelung war.
„Diese Stadt verdirbt Euch“, stellte Juliana seufzend fest, dann ging sie zurück zu ihrem Stuhl und blickte forschend zu Jana.
Die Hexenmeisterin sah, noch immer erschrocken, zu Sarin. „Ich kann das nicht … unterdrücken, Bundmeister“, murmelte sie.
Ein Blick zu Naghûl, der sich die Schläfen rieb, verriet dem Paladin, dass offenbar auch er die Vision miterlebt hatte. „Wart Ihr eben auch in Bruchstein?“, fragte der Tiefling in die Runde.
„Bruchstein?“ Jana runzelte die Stirn. „Das ist der Name dieser ... Burg?“
Sarin seufzte tief. „Ja, Bruchstein ... eindeutig.“
„Eine Festung, gespalten, wie durch einen Blitz“, schilderte Naghûl es den anderen, die die Vision offensichtlich nicht gesehen hatten. „In einer höllischen Umgebung, besiedelt von Dämonen. Ja, das muss Bruchstein gewesen sein.“
„Da war ein Schwert oder so“, fügte Jana hinzu. „Also, was da in diesem ... Sarg lag.“
„Es war ein Katana“, erklärte Sarin.
„Ein Katana?“ Juliana horchte auf.
Naghûl nickte. „Ja, nur hatte ich den Eindruck, die Klinge würde nicht aus Metall bestehen.“
Der Blick der Erzbischöfin wurde noch eine Spur ernster. „Diese Waffe … Sah sie so aus?“ Sie breitete ein bemaltes Stück Leinwand auf dem Tisch aus, das zuvor unter dem alten Pergament gelegen hatte. Es zeigte ein Katana mit silber-blauem Griff und einer sehr hellen Klinge, das von weißen Blütenblättern umgeben war.
Sarin beugte sich vor, um das Bild besser betrachten zu können. - Es sah genauso aus wie das Schwert in Janas Vision … „Ja, eindeutig“, murmelte er kopfschüttelnd. „Könnt Ihr uns erklären, was es mit diesem Schwert auf sich hat, Herrin?“
Juliana schob das Bild etwas weiter in die Mitte des Tisches, damit alle Anwesenden es gut sehen konnten. „Wir fanden dieses Bild - und zwei weitere - bei dem Text, der auf dem Pergament hier steht. Es handelt sich um Stücke aus einem größeren Gemälde, ich weiß jedoch nicht, ob aus demselben. Aber auf jeden Fall wurden sie aus der Leinwand eines größeren Bildes herausgetrennt und lagen diesem Text bei. Unsere Alchemisten vermuten, dass Pergament und Leinwandstücke etwa gleich alt sind. Das Katana, das ich Euch eben zeigte, ist eines dieser drei Bilder. Dies sind die beiden anderen ...“
Sie legte noch zwei Stücke Leinwand daneben. Eines der Bilder zeigte ein Doppelklingenschwert aus mattem, grauem Metall mit dunklem Griff, das andere eine schlanke, schwarze Klinge mit Dornen unter dem Heft und an der Parierstange. Im Knauf saß ein roter Edelstein.
Während Sarin die Bilder noch eingehend betrachtete, hob Naghûl ein wenig ratlos die Schultern. „Ich kann mit Waffen wenig anfangen“, gab er zu. „Das eine sieht aus wie ein Doppelklingenschwert, das andere wie eine Art Säbel. Kann das sein?“
„Form und Ornamentik des dritten erinnern mich ein wenig an die Ästhetik der Drow, die auch diese Klingenform schätzen“, erklärte Sarin. „Aber das ist nur ein erster Eindruck, es könnte natürlich auch eine ganz andere Kultur dahinterstecken.“
„Ich kann mir keinen Reim darauf machen“, meinte Sgillin ratlos.
Naghûl wandte sich an Juliana. „Erhabenheit, wisst Ihr schon mehr darüber?“
Die Erzbischöfin schüttelte bedauernd den Kopf. „Killeen und ich haben eine Weile darüber spekuliert, sind aber auch zu keinem Ergebnis gekommen. Ich hätte Nachforschungen anstellen lassen. Aber der geheimnisvolle Text des Pergaments brachte mich auf den Gedanken, es könnte etwas mit der Ring-Prophezeiung zu tun haben, daher wollte ich es unter Verschluss halten.“
„Danke, Herrin.“ Sarin deutete eine Verneigung in ihre Richtung an und wandte sich dann an die anderen. „Im Harmonium wissen außer meiner Frau und mir nur meine Adjutantin, meine beiden Legaten und Lady Juliana von der Sache.“
Juliana deutete nun auf das geheimnisvolle Pergament. „Dieser Text scheint in drei Strophen geschrieben zu sein. Zumindest sind es drei Absätze. Da der Text zusammen mit den Bildern gefunden wurde, könnte man vermuten, es geht darin eventuell um diese drei Schwerter.“
„Mir schwant Fürchterliches“, murmelte Sgillin und verzog das Gesicht.
„Wirklich?“ Die Erzbischöfin hob eine Braue. „Und was?“
„Dass wir diese Schwerter wahrscheinlich brauchen …“, antwortete der Halbelf. „Und sie suchen müssen, verehrte Erzbischöfin.“
Sie nickte. „In der Tat eine naheliegende Vermutung.“
„Ungut, dass eines davon ausgerechnet in den Tiefen von Bruchstein liegt“, warf Sarin seufzend ein.
Sgillin runzelte grübelnd die Stirn. „Vielleicht sollten wir dazu vorher noch einmal eine höhere Instanz befragen.“
Juliana begriff sofort, was er meinte. „Ah … die Botin.“
„Ja.“ Der Halbelf nickte. „Und vielleicht ist es Jana auch möglich, anhand der anderen beiden Bilder Visionen zu bekommen, die uns einen Aufschluss über deren Aufenthaltsort geben.“
„Das wäre natürlich eine große Hilfe“, meinte Sarin. „In der Hoffnung, dass die beiden anderen Schwerter möglicherweise besser erreichbar sind.“
„Vielleicht gibt es auch ein Zeichen, das ich verwenden kann“, fügte Naghûl an.
Der Paladin nickte. „Ja, wir haben einige Optionen. - Nun gut, dann zu dem Pergament.“ Er sah zu Kiyoshi. „Auch wenn ich nicht wirklich sicher bin, ob ich es wissen will … Ihr solltet es uns vorlesen.“
Der junge Soldat straffte sich sofort. „Gerne, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui.“
Juliana schob das Pergament mit den geheimnisvollen Zeichen zu Kiyoshi hinüber. Der Text war in dunkelblauer Tinte geschrieben, in drei Absätzen. Im ersten Absatz war ein Wort mit schwarzer Tinte hervorgehoben, im zweiten ein Wort mit grauer Tinte und im dritten ein Wort mit sehr heller, silbrig-weißer Tinte.
„Es ist in der Tat die Alte Sprache“, bestätigte Kiyoshi mit einem Blick auf das Schriftstück.
Julianas Miene hellte sich auf. „Das heißt, Ihr könnt es lesen? Nun, dann bitte.“
Der junge Mann nickte, zog das Pergament behutsam zu sich und begann dann vorzulesen. Sarin hielt unbewusst den Atem an, als Kiyoshi ihnen den Inhalt des mysteriösen Textes enthüllte:
„Bestimmt, was lebt, in Trauer hinzuraffen
Ruft es aus dem Tode Seelenblüten,
Um neues Leben, neuen Anfang zu erschaffen
Und zerschneidet sie sogleich in blindem Wüten.
Wenn die letzten Funken bleich verglühen,
Trägt es in sich nur ein dunkles Sehnen.
Doch hebt es sich noch einmal stolz und kühn,
Um auch die letzte Blüte noch zu nehmen.
Wilder Styx, jetzt bist du überwunden,
Deine Nacht zerschmilzt im Morgenrot.
Bezwungen sind nun deiner Prüfung Stunden,
Leer ist der Kelch, den deine Hand uns bot.
So reißt der ganze Strudel der Gedanken,
Den du voll Rache trachtest zu zerstören,
Sich schmerzhaft los aus seinen Schranken,
Und die Erinnerung soll uns allein gehören.
Gleichwohl dein Herz am Gipfel deines Strebens
Kalt und blutend in der Asche lag,
Ist dein Gebet der Hoffnung nicht vergebens.
Am Ende wird’s in deiner Seele Tag.
Als ob du fliegst und spürst das Steigen nicht,
Wenn aller Himmel Banner dich umwehen.
Als ob du stürzt und spürst das Fallen nicht,
Wenn alle Lebensgeister von dir gehen.“
Als Kiyoshi geendet hatte, legte sich tiefes Schweigen über den Raum. Die Worte klangen bedeutsam, beunruhigend und verheißungsvoll zugleich. Und noch dazu konnte sich offenbar niemand einen Reim darauf machen, wie Sarin an den fragenden und überforderten Mienen in der Runde erkannte. Er konnte sich selbst nicht ausnehmen.
„Erstaunlich, Soldat“, wandte er sich erst einmal an Kiyoshi. „Ich danke Euch. Nur, was … fangen wir nun damit an. Sieht jemand einen Zusammenhang zur Ring-Prophezeiung?“
„Nicht auf Anhieb, Bundmeister …“, erwiderte Naghûl.
Sgillin schüttelte den Kopf. „Ich auch nicht.“
Der Paladin erhob sich, ging zu seinem Schreibtisch, um Feder und Pergament zu holen und reichte dann beides Kiyoshi. „Bitte schreibt es für uns auf“, sagte er. „Damit auch jene, die der Alten Sprache nicht mächtig sind, mitreden können.“
Der junge Mann kam der Aufforderung nach und brachte die Strophen zu Papier, noch langsam und ein wenig ungelenk. Sarin nickte bei sich. Amariel hatte erwähnt, dass er zwar die komplexen Schriftzeichen seiner Heimatwelt Kamigawa beherrschte, nicht aber das Alphabet der planaren Handelssprache. Dieses hatte er erst in den letzten Wochen erlernt.
Während er die Worte niederschrieb, schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er unterbrach sich und sah auf. „Wäre es möglich, dass Erinnerung, Hoffnung und Trauer die Namen der drei Schwerter sind? Diese drei Worte im Text, die in anderer Farbe geschrieben sind, haben dieselben Farben wie die Klingen: schwarz für Trauer, grau für Erinnerung und weiß für Hoffnung.“
Sarin nickte. „Dass Schwerter Namen bekommen, ist in vielen Kulturen üblich. Ja, das würde auch zu den Bildern passen.“
Nun beugte sich Jana ein wenig vor, um die Bilder genauer zu mustern. „Auf dem ersten sind weiße Blüten rund um das Katana zu sehen. Würdet ihr das auch so deuten?“ Sie blickte fragend in die Runde.
„Ich wollte in der Tat etwas zu der Symbolhaftigkeit der Kirschblüten sagen“, bestätigte Kiyoshi. „In meiner Heimat gibt es ein Fest namens Hanami. Es zeigt den Beginn des Frühlings an und wird jedes Jahr gefeiert, wenn die Kirschbäume in voller Blüte stehen. Normalerweise gibt es in meiner Heimat den Grundsatz hana yori dango, was soviel bedeutet wie Praktisches geht vor Ästhetik. Doch zu Hanami werden große Feste gefeiert, die Arbeit ruht und es ist ein Fest der Freude.“
„Und der Hoffnung?“, hakte Sarin nach.
„Auch“, bestätigte der junge Soldat. „Die Kirschblüte steht dabei vor allem für vollendete Schönheit und einen würdigen Tod. Ein wahrhaft ehrwürdiges Ziel. Ein jeder Samurai wünscht sich, einmal einen würdigen Tod zu sterben. Insofern kann man es auch als Symbol für die Hoffnung sehen.“
„Ist dein Gebet der Hoffnung nicht vergebens …“, murmelte Naghûl mit Blick auf den alten Text. „Dann könnte die letzte Strophe auf das Katana verweisen.“
Während alle anderen Vermutungen austauschten und spekulierten, war Juliana auffallend still gewesen. Sarin beobachtete, wie sie mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte und dabei leise vor sich hin murmelte. „Trauer, Erinnerung, Hoffnung ...“ Dann blickte sie auf, als sei ihr plötzlich etwas eingefallen. „Ja, das ist es! Ich wusste doch, es kommt mir allzu bekannt vor.“ Als aller Augen sich ihr zuwandten, deutete sie auf die drei Bilder. „Ich erinnere mich wieder. Die Schwerter. Es gibt eine sehr alte Legende über die drei mystischen Schwerter Trauer, Erinnerung und Hoffnung. Als Celestische Mystikerin habe ich mich viel mit solchen Dingen beschäftigt. Die Legende besagt, dass die drei Waffen auf gewisse Weise zusammen gehören und eine Einheit bilden. Sie sollen sehr machtvoll sein, allerdings werden ihre genauen Eigenschaften nur teilweise genannt und ich erinnere mich nicht mehr ganz genau daran. Es ist eine Weile her. Es heißt außerdem, jede der drei Klingen würde ihren Träger selbst wählen.“
Sgillins Miene hellte sich bei diesen Worten auf. „Also müssen wir uns schon einmal keine Sorgen machen, dass eines der Schwerter in falsche Hände fällt, werte Erzbischöfin?“
„Das wäre schön“, erwiderte Juliana ernst. „Allerdings kann jeder die Waffen verwahren. Aber es kann nur einer sie führen. Und der alte Text, den ich kenne, besagt noch etwas, das für uns interessant ist: Dass zu jedem Schwert ein sogenannter Sucherstein gehört. Er kann in das Schwert eingesetzt werden, aber auch getrennt von ihm existieren. Ist er nicht bei seinem Schwert, weist er - sogar über Ebenen hinweg - den Weg zu der Waffe. Die Steine sind der Trauerstein, der Erinnerungsstein und der Hoffnungsstein.“
Sgillins Blick wanderte zu Naghûl. „Wer ist nochmal der Sucher hier in unserer Runde?“
„Ich habe aber keine Steine“, bemerkte der Tiefling und hob abwehrend die Hände.
„Aber Ihr habt die Hüterin durch ein bestimmtes Symbol gefunden“, warf Sarin ein.
Naghûl seufzte etwas resigniert. „Ja, Bundmeister, aber das war eher ein Zufall. Ich wüsste nicht, wie ich die Symbole aktivieren sollte.“
Der Paladin runzelte fragend die Stirn. „Ihr meint, Ihr habt kein Symbol, das zu den Steinen passt?“
„Ich habe Symbole, die irgendwelchen verdrehten Strichmännchen gleichen“, erwiderte der Sinnsat. „Ich sehe ja noch nicht einmal den Zusammenhang vom letzten Symbol zur Hüterin!“
Obwohl seine Verzweiflung durchaus ehrlich wirkte, musste Sarin ob der ganzen Situation ein wenig schmunzeln. „Ich verstehe. Wohl doch nicht so einfach, die ganze Sache.“
„Leider nein“, antwortete Naghûl. „Und Poesie-Rätsel liegen mir sowieso nicht.“ Er warf dabei einen missmutigen Blick auf das Gedicht.
„In keiner Form kann uns eine vielschichtige Prophezeiung wirkungsvoller hinterlassen werden als im lyrischen Gewand“, erwiderte Juliana hoheitsvoll.
Sarin konnte ein verstimmtes Brummen nicht unterdrücken. „Ich fände eine Form wirkungsvoll, die uns ganz genau sagt, was wir tun sollen.“
„Da stimme ich Euch zu, ehrenwerter Bundmeister“, meinte Sgillin, doch Juliana warf ihm einen rügenden Blick zu.
„Sarin.“ Ein ihm nicht unvertrauter Tadel lag in ihrer Stimme. „Ihr wisst genau, dass Prophezeiungen auf diese Weise nicht funktionieren.“
„Nein, das weiß ich eben nicht!“ Trotz seines großen Respekts für die Erzbischöfin konnte er sich der folgenden, durchaus aufgebrachten Worte nicht enthalten. „Weil ich noch nie mit derartigen ominösen Texten und geheimnisvollen Überlieferungen zu tun hatte! Das ist doch reichlich daneben, man soll uns einfach sagen, was die Erwählten tun sollen. Oder ich ... Ritter der Dame! Großartig. Was soll Ich damit anfangen?“
Während die Erwählten ihn verständnisvoll anblickten und seine Worte teilweise durch nachdrückliches Nicken unterstrichen, musterte Juliana ihn mit erhobenen Brauen. Ihr Blick machte mehr als deutlich, dass er sich ein wenig zu sehr hatte gehen lassen. Wären nicht andere Personen im Raum gewesen, so hätte seine einstige Bundmeisterin einiges zu seinem kleinen Ausbruch zu sagen gehabt, dessen war er sich sicher. So neigte er entschuldigend den Kopf in ihre Richtung. „Ich bitte um Verzeihung, Herrin, ich habe mich vergessen.“ Er seufzte tief und lehnte sich zurück. „Aber ich finde es dennoch anstrengend.“
Kiyoshi erwies ihm den Dienst, sich zu Wort zu melden, ehe Juliana ihm doch noch eine verbale Rüge erteilen konnte. „Ja, Soldat“, sagte er daher sofort und konnte nicht verhindern, dass ein Anflug von Erschöpfung Einzug in seine Stimme fand.
„Verzeiht, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui“, sagte der junge Mann. „Ehrwürdige Erzbischöfin Spesinfracta Juliana-sama. Doch in meiner Unwissenheit habe ich eine Frage an jeden von Euch.“
„Ich lasse Lady Juliana den Vortritt“, erklärte Sarin und deutete eine Verneigung in deren Richtung an.
„Ehrwürdige Erzbischöfin Spesinfracta Juliana-sama“, wiederholte Kiyoshi die komplizierte Anrede. „Ist es bekannt, wer die Klingen führen kann?“
„Nein, dies ist nicht bekannt“, erklärte Juliana bedauernd. „Es heißt dazu nur, dass der Träger jemand sein müsse, der in gewisser Weise mit dem Prinzip übereinstimmt, für das die Waffe steht. Und es gibt eine Andeutung, die ich damals nicht verstand, die aber nun klarer wird: In jedem Zyklus gibt es drei auserwählte Träger ...“
Überrascht hob Sarin die Brauen. „In jedem Zyklus?“
Juliana nickte. „Ja. Das würde andeuten, dass die Waffen schon im vergangenen Zyklus existierten – oder noch länger.“
„Dann wären sie ja unvorstellbar alt“, meinte Jana staunend.
„Allerdings“, erwiderte die Erzbischöfin ernst.
Sarin nickte nachdenklich und sah dann zu Kiyoshi. „An mich hattet Ihr auch eine Frage?“
„In der Tat“, antwortete der junge Mann. „Ich wollte fragen, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui, ob ich dieses Gedicht einmal in der Alten Sprache vorlesen soll. Vielleicht an einem sicheren Ort? Oder nur eine Strophe davon?“
„In der Hoffnung, damit etwas auszulösen?“
Kiyoshi nickte. „Vielleicht eine Vision oder einen Hinweis auf einen Sucherstein.“
„Hm.“ Sarin dachte kurz nach. „Warum nicht? Es wäre einen Versuch wert. Wir hatten ja gesagt, dass Ihr Eure Fähigkeiten eventuell mehr erforschen und einsetzen solltet.“
„Wohin soll ich dazu gehen?“, wollte der junge Soldat sogleich wissen.
„Einen Moment bitte.“ Naghûl setzte sich alarmiert auf. „Also, die erste und die letzte Strophe enden mit dem Tod. Die zweite Strophe handelt vom Styx, dessen Wasser sämtliche Erinnerungen auslöschen kann. Ich würde mich gerne gegen diesen Versuch aussprechen.“
Wenngleich es Sarin überraschte, dass gerade der nach neuen Erfahrungen so begierige Sinnsat diesen Einwand vorbrachte, so konnte er ihn doch nachvollziehen. Möglicherweise hatte der Tiefling mit seinen Bedenken nicht unrecht.
„Kiyoshi“, sagte der Paladin daher nach kurzer Überlegung. „In den Fällen, in denen Worte in der Alten Sprache etwas auslösten … Hattet Ihr da etwas vorgelesen oder war es eher wie eine Art des Zauberns?“
Kiyoshi senkte entschuldigend den Kopf. „Verzeiht meine Unwissenheit, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui, doch ich bin kein Zauberer.“
Sarin versuchte, es auf andere Weise zu erklären. „Was ich meine ist, habt Ihr Euch vorher auf die Worte besonders konzentriert? Oder etwas besonderes dabei empfunden? War es anders als ein normales Vorlesen?“
Der junge Mann dachte kurz nach, ehe er antwortete. „Ja. Ich konzentrierte mich auf das Wort und es drang in mir nach oben, als ob es ausgesprochen werden wollte.“
„Es kam ein wenig wie von selbst zu Euch?“, hakte Juliana nach.
Kiyoshi nickte. „So könnte man es beschreiben, ehrwürdige Erzbischöfin Spesinfracta Juliana-sama.“
„Wie bei einem Hexer oder Warlock“, stellte Naghûl fest. „Wie bei Jana oder mir. Intuitiv. Zumindest verstehe ich es so.“
„Als Ihr das erste Mal hier in meinem Büro wart“, überlegte Sarin, „und den Textausschnitt der Prophezeiung last, geschah nichts ... Doch, Jana wurde ohnmächtig und hatte ihre erste Vision. Aber ob das zusammenhing?“
„In der Tat, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui“, erwiderte Kiyoshi. „Doch ein Zusammenhang konnte nie festgestellt werden.“
„Vielleicht nehmen wir einen Satz, der nicht so gefährlich klingt“, schlug der Paladin vor. „Und versuchen es erst einmal mit diesem.“
„Ich weiß nicht, ob es mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Satz funktioniert.“ Kiyoshi nickte. „Das wäre, als ob man nur eine Zeile eines Haikus lesen würde. Ein gutes Experiment.“
„Experiment … genau.“ Sarin seufzte tief. „Was tue ich nur?“
In diesem Moment waren vor der Tür die gedämpften Stimmen der Wachen zu hören. Es klang irgendwie aufgeregt und ungeordnet – ein Geräusch, das er eher von seinen Privatgemächern her gewohnt war, wenn seine Kinder tobten. Aber nicht vom Flur vor seinem Büro. Eine dritte Stimme sagte etwas, ein wenig lauter und energischer. Es wurde still. Dann hörte man das Geräusch zweier Hellebarden, die fest auf den Steinboden gestellt wurden, und das leise Klirren von Rüstungen, als nähme jemand Haltung an. Die Tür öffnete sich schwungvoll – und Sarin stockte der Atem. Ein trat ein Celest, stattlich gebaut, mit makellosem, hellem Teint, goldenem Haar und strahlend saphirblauen Augen. Seine beeindruckenden weißen Schwingen waren gepanzert und er trug eine Rüstung im Empyreischen Stil. Seine Haltung hatte etwas durch und durch Edles und Hoheitsvolles. Er besaß unübersehbar die Schönheit der Himmel, und es war schwer, diese nicht zu bemerken oder zu bewundern. Etwas Einschüchterndes und Mächtiges ging von ihm aus, aber auch eine gewisse Kälte, die Sarin wie immer einen Stich versetzte.
"Valiant ...“ Ungläubig stand der Paladin auf.
Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, wie Sgillin mit einem schnellen, geschickten Wisch die Papiere und Bilder vom Tisch verschwinden ließ. In der kleinen Ecke seiner Gedanken, die gerade nicht mit Valiants überraschendem Eintreffen befasst waren, dankte er dem Halbelfen für seine Geistesgegenwart. Die anderen hatten sich ebenfalls erhoben, Naghûl verneigte sich höfisch korrekt, während Juliana Valiant nicht minder überrascht, aber auch missbilligend musterte.
Der Großinquisitor ging ein Stück in den Raum, eher lässig als energisch. „Sarin, mein Freund …“ Ein Lächeln trat auf seine Lippen, schwer zu glauben, es könnte nicht ernst gemeint sein.
Der Bundmeister fasste sich wieder „Lord Valiant. Ich hatte Euch erst in zwei Wochen erwartet.“
„Ihr habt mich erst in zwei Wochen erwartet?“ Der Engel legte beide Hände an die Brust und seufzte gespielt betroffen. „Aber Sarin, begrüßt man denn so einen alten Freund?“
Eine kleine Falte bildete sich zwischen den Brauen des Paladins. Ihn als alten Freund zu bezeichnen war immer einer der zielsichersten Wege, wie Valiant ihm den Blutdruck steigen ließ. Indem er an eine Vergangenheit rührte, die unwiederbringlich verloren war, ohne dass Sarin überhaupt wusste, warum. Er warf ihm einen entsprechend finsteren Blick zu. „Da Ihr mich ja so gut kennt, wie Ihr stets sagt, wisst Ihr, dass ich unangemeldete Besuche hasse, hm?“
Valiant lachte, und seine Stimme klang voll und angenehm wie stets. „Ach ja, wie konnte ich das vergessen.“ Dann blickte er zu Lady Juliana und drehte sich zu ihr. „Herrin, Ihr seid ja auch zugegen.“ Er verneigte sich tief, wobei er die Schwingen seitlich ausbreitete. „Meine tiefste Verehrung.“
Juliana neigte leicht den Kopf, aber ihr Blick blieb starr. „Lord Valiant ... Es ist eine Weile her.“
„Viel zu lang …“, erwiderte er, nun ernster, und sah sich langsam im Büro um.
Kiyoshi stand da wie eine Statue, während Naghûl, Sgillin und Jana ihr Unwohlsein durchaus anzumerken war. Sie kamen sich offenbar ziemlich fehl am Platz vor, was Sarin ihnen nicht verdenken konnte.
Er verschränkte die Arme. „Ich hätte einen Empfang vorbereiten lassen … wenn Ihr Euch an Eure eigenen Zeitangaben gehalten hättet.“
Jovial winkte der Großinquisitor ab. „Ihr dürft Euren Empfang noch durchführen. Ich dachte mir nur, ich habe meine Angelegenheiten auf Ortho geregelt, da kann ich ein wenig früher vorbeisehen und meinen alten Kameraden Sarin überraschen.“ Ehe der Bundmeister etwas erwidern konnte, sah er zu Naghûl. „Ich wusste nicht, dass Ihr Besuch habt.“
„Es ist weniger ein Besuch als eine Besprechung“, entgegnete Sarin knapp. „Was Ihr daran ersehen könnt, dass sie in meinem Büro stattfindet.“
„Ja ja, das denke ich mir schon.“
Es war schwer, Valiants Lächeln nicht als herablassend zu empfinden. Und doch spürte Sarin trotz allem, was geschehen war, diese merkwürdige Faszination von ihm ausgehen. Wie das bei unsterblichen, mächtigen Wesen eben so war, ob nun Engel, Scheusal, Drache oder dergleichen. Es gab etwas an ihnen, dem man sich schwer entziehen konnte und einmal mehr wusste Sarin genau, woher Valiants großer Erfolg rührte.
Der Großinquisitor blickte nun zu Kiyoshi. „Einer Eurer Soldaten, Sarin?“
„Ja“, erwiderte der Paladin kurz angebunden.
Valiant musterte den jungen Mann aufmerksam. „Wie ist Euer Name, Soldat?“
Kiyoshi verzog keine Miene und stand in nahezu übertrieben perfekter Haltung. „Soldat zweiten Ranges Kiyoshi, S12-15928-Ko832, ehrwürdiges Mitglied der Oktade für Innere Harmonie Großinquisitor Lord Valiant-sama.“
„Kiyoshi.“ Der Engel nickte und schmunzelte dann. „Ich weiß, es ist ein netter Titel. Aber Lord Valiant genügt.“ Als nächsten besah er sich Sgillin.
„Valiant …“ Sarin bemühte sich nach Kräften um einen ruhigen Tonfall. „Im Ernst, was wollt Ihr?“
Valiants Blick blieb noch kurz an Sgillin und Jana hängen, ehe er sich mit einem Lächeln wieder dem Paladin zuwandte. „Wisst Ihr, Sarin, trotz all unserer vergangenen - und vielleicht auch gegenwärtigen - Differenzen, habe ich eines an Euch immer geschätzt: Eure Offenheit. Eure Geradlinigkeit. Das war wohl auch einer der Wesenszüge, die Lady Juliana so sehr an Euch schätzte. Daher will ich ebenso offen zu Euch sein.“
„Ich bitte darum“, erwiderte Sarin knapp.
Juliana musterte den Großinquisitor mit einem Blick, als hätten sich ihre Augen in Eissplitter verwandelt, doch Valiant schien sich nicht daran zu stören, sondern fuhr unvermindert freundlich fort. „Meine Anwesenheit hier in Sigil ist kein Höflichkeitsbesuch. Das habt Ihr Euch sicher bereits gedacht. Ich werde nicht nur zwei, drei Tage bleiben, sondern vielleicht etwas länger.“
Ja, er hatte in der Tat eine ungute, diffuse Vorahnung in dieser Richtung gehabt. Und nichts hätte ihm ungelegener kommen können. „Euer Bereich in der Oktade ist Innere Harmonie.“
Sarin atmete tief durch, um seine Stimme zu mäßigen. „Mir geht ehrlich gesagt nicht ganz ein, wie Sigil in diesen Zuständigkeitsbereich passen könnte.“
„Oh, es gibt durchaus ein paar Punkte, die da einfließen“, erwiderte der Großinquisitor gönnerhaft. „Das müssen wir aber nicht jetzt und hier erörtern.“
Nun schaltete sich Juliana zum ersten Mal in das Gespräch ein. „Und was meint Ihr, wenn Ihr sagt, Ihr bleibt länger, Lord Valiant?“
„Das weiß ich noch nicht“, erwiderte der Celest. „Kommt ganz darauf an, wie meine Aufgabe sich hier entwickelt und ob das, was ich sehe, mich zufrieden stellt.“
„Ob es Euch zufrieden stellt?“ Sarin spürte, wie ihm vor Empörung das Blut heiß in die Schläfen stieg. „Jetzt aber mal langsam! Was hier abläuft und wann und wie, damit es zufriedenstellend ist, entscheide wohl ich!“
„Aber natürlich.“ Valiant hob abwehrend die Hände. „Ihr allein, Ihr seid Bundmeister des Planaren Harmoniums. Und Ihr habt Euch diesen Stuhl ja ganz ...“ Er warf einen Seitenblick zu Juliana. „ … rechtmäßig verdient, nicht wahr?“
Sarin setzte zu einer heftigen Erwiderung an, doch Juliana kam ihm zuvor. „Ja, absolut rechtmäßig“, erklärte sie ruhig, aber bestimmt. „Nach allen Gesetzen unseres Bundes.“
„Was ich nie angezweifelt habe“, entgegnete der Großinquisitor kühl. „Das bringt mich zu der Frage, was macht Ihr eigentlich hier?“
„Ich bin immer noch Mitglied dieses Bundes“, antwortete die Erzbischöfin ebenso frostig.
„Zu unser aller großen und tief empfundenen Freude, Herrin.“ Valiant neigte den Kopf, aber in seinen Augen stand etwas Kaltes und Hartes.
Die Blicke der Erwählten wurden immer unglücklicher und Sarin spürte, dass er diesen unerwarteten Aufritt des Großinquisitors beenden musste. „Wir sollten uns unter vier Augen unterhalten“, meinte er daher knapp.
„Ach, da ist sie wieder, diese erfrischende Direktheit.“ Valiant lächelte hintergründig. „Bitte, mein Freund, sprechen wir unter vier Augen.“ Er verneigte sich in Richtung Juliana. „Gerne auch unter sechs, wenn erwünscht.“
„Nein“, erwiderte die einstige Bundmeisterin trocken. „Deswegen bin ich Erzbischöfin der Archoniten, damit ich mir das nicht mehr antun muss.“
„Und das mir?“ Der Großinquisitor setzte eine gespielt betroffene Miene auf. „Ihr verletzt mich, erhabene Herrin.“
Juliana wölbte eine ihrer silber-grauen Brauen. „Das zweifle ich an, und zwar energisch.“
Es entging Sarin nicht, dass Naghûl die Erzbischöfin bei diesem Wortwechsel mit einer gewissen Begeisterung in den Augen musterte. Ja, sie hatte es immer verstanden, dem Prinzen von Hebdomias die Stirn zu bieten, und dies obwohl sie die Archonen Celestias verehrte. Oder vielleicht auch gerade deswegen.
Valiant schmunzelte seinerseits etwas, ehe er sich wieder an Sarin wandte. „Nun gut, dann unter vier. Sicher darf ich damit rechnen, dass ich nachher noch Eure bezaubernde Frau und Eure reizenden Kinder sehe.“
„Mhm“, brummte Sarin. „Ich werde Beleno nachdrücklich ermahnen, sich von Euren Flügeln fernzuhalten.“
Der Engel lachte und sah sich nochmals im Büro um. „Ach ja ... gar nicht so übel, wieder hier zu sein.“ Dann setzte er sich, nachdem er sich zum Abschied vor Juliana verneigt hatte.
Naghûl ging rasch auf Abstand zu ihm, als er an den Tisch trat und Sarin vermutete, dass er einen gequälten Ausdruck nicht ganz verbergen konnte, als er in die Runde blickte. „Wir reden ein andermal weiter.“ Er verneigte sich ebenso gen Juliana und setzte sich dann zu Valiant an den Tisch.
Die vier Erwählten verbeugten sich hastig und folgten dann der Erzbischöfin, als sie hoheitsvoll den Raum verließ. Sarin blieb mit Valiant zurück und schickte ein kurzes Stoßgebet mit der Bitte um innere Gelassenheit an seine Göttin …
-----------------------
gespielt am 21. Dezember 2012
- Lereia war noch bei ihrem Bundmeister Ambar, weil ihre Spielerin an diesem Abend nicht da sein konnte.
- Janas Spieler wollte die Vision eigentlich nur mit Naghûl teilen, hatte aber auch diesmal ziemlich schlecht gewürfelt.
-
Die Namen der Schwerter Erinnerung, Hoffnung und Trauer sind natürlich
inspiriert durch Tad Williams Roman „Das Geheimnis der Großen
Schwerter“.


%20Bitte%20erstelle%20mir%20eine%20realis.png)


Kommentare
Kommentar veröffentlichen