„Wisse. Handle. Sei.“
Bundmeisterin Rhys
Dritter Dametag von Zehent, 126 HR
In Gedanken ließ Naghûl noch einmal die letzten Wochen Revue passieren, als er die Limbus Bar betrat. Direkt nachdem sie die Stockwürger-Morde, wie man sie inzwischen nannte, aufgeklärt hatten, waren sie erst einmal zu ihren jeweiligen Bundmeistern zurückgekehrt, um ihnen genauestens Bericht zu erstatten – alle außer dem nach wie vor bundlosen Sgillin natürlich. Erin hatte das Ganze hoch spannend gefunden, war aber besorgt wegen der Schläfer-Angelegenheit und hatte erklärt, mehr Informationen dazu beschaffen zu wollen. Ambar war begeistert vom Erfolg der Erwählten gewesen, wenn auch nachträglich besorgt, dass Lereia sich in so große Gefahr begeben hatte. Terrance hatte das Ganze sehr ruhig aufgenommen, machte sich aber ebenso Sorgen wegen der Pläne der Erleuchteten und war der Ansicht, dass man das ganze Projekt stilllegen sollte. Allerdings war er zurückhaltend, was den Vorschlag gewaltsamer Mittel betraf - zumindest noch. Sarin war zufrieden mit dem Ergebnis der Mission gewesen, wenn auch nicht begeistert, dass er im Nachgang Skall im Nacken gehabt hatte. Er hatte aber anerkannt, dass die Erwählten dazu wenig konnten. Er hatte auch angedeutet, eine Lösung für die ganze Sache anzustreben - und im Gegenzug zu Terrance schien er gewaltsamen Mitteln nicht abgeneigt gewesen. Dann waren etwa zwei Monate vergangen. Wochen, in denen die neuen Erwählten der Ring-Prophezeiung zwar nicht ausschließlich getrennte Wege gegangen waren, in denen aber gleichwohl jeder seine eigenen Pflichten, Geschäfte oder Neigungen verfolgt hatte. Kiyoshi zum Beispiel war damit beschäftigt gewesen, die achtwöchige Grundausbildung zu durchlaufen, die alle Rekruten des Harmoniums zu absolvieren hatten. Während vor den Ereignissen im Stock kaum Zeit dafür gewesen war, hatte Kiyoshis Bundmeister offenbar befunden, dass es doch wichtig und sinnvoll war, seinem Neuzugang diese Erfahrung noch angedeihen zu lassen. Eine Erfahrung, die auf Naghûls Prioritätenliste zwar nicht sehr weit oben gestanden hätte, von der er aber gleichwohl annahm, dass sie dem jungen Kamigawaer durchaus zugute kam. Er war immerhin völlig neu in der Stadt der Türen und die Grundausbildung würde ihn auf jeden Fall grundlegend mit dem Käfig und dessen Gepflogenheiten vertraut machen. Wie die Ermittlungen im Stock gezeigt hatten, war das durchaus nötig. Auch Jana hatte die vergangenen Wochen dazu genutzt, sich mehr und mehr in ihren neuen Bund einzuleben. Viel Zeit hatte sie auf dem Areal des Zerschmetterten Tempels verbracht, oft in Gesellschaft von Askorion, Terrances Stellvertreterin Jaya oder auch dem Bundmeister selbst. Die restliche Zeit war sie meist in ihrem Haus im Stock anzutreffen gewesen, wo Naghûl sie zweimal besucht hatte. Sie hegte noch immer tiefe Zweifel an der ganzen Geschichte mit der Prophezeiung und hatte sich stattdessen lieber um die Prostituierten des Tollhaus-Distrikts gekümmert oder darum, einige Schriften der Athar zu verinnerlichen. Lereia und Sgillin waren zu der Erkenntnis gekommen, dass die jüngst in Gang gesetzten Ereignisse sie wohl auf unbestimmte Zeit an Sigil binden würden. Auch wenn es ihnen nicht leicht fiel, hatten sie daher beschlossen, die Insel auf der Welt Toril, die sie seit einer Weile bewohnten und die auch Naghûl eine zweite Heimat gewesen war, vorerst hinter sich zu lassen. Sie waren noch für ein paar Wochen dort gewesen, um alle ihre Angelegenheiten zu klären und einige Freunde zu informieren, dass sie eine Weile fort sein würden. Dann waren sie in den Käfig zurückgekehrt und Lereia hatte sich näher mit ihrem neuen Bund vertraut gemacht. Sgillin wohnte zwar bei Lereia, hatte sich aber viel mit Naghûl herumgetrieben, wenn Lereia in der Gießerei gewesen war. Zudem unternahm er dieser Tage auch häufiger Streifzüge allein, über die er nicht viel erzählte – und Naghûl fragte nicht danach, respektierte, dass der Halbelf auch seine eigenen Geschäfte in Sigil hatte, welcher Art auch immer sie sein mochten. Naghûl wiederum hatte die Zeit mit seinen Pflichten in der Festhalle, ein paar neuen Erfahrungen und natürlich auch mit seiner Frau Morânia verbracht. Ihr nichts über die streng geheime Prophezeiung zu erzählen oder auch über die Ereignisse im Stock, war ihm aber durchaus schwer gefallen. Daher hatte es sich fast glücklich getroffen, dass auch Morânia während der Zeit der Morde und in den paar Wochen danach auf der Materiellen gewesen war – auf eben jener kleinen Insel, von der Lereia und Sgillin vorerst Abschied genommen hatten. Eine längere Geschichte verband Morânia und auch ihn selber mit dieser Insel. In dem dort gelegenen Fürstentum Meresin hatten sie den Bürgern in einigen schweren Kämpfen zur Seite gestanden – erst gegen einen korrupten Fürsten und dessen Schergen, dann gegen Dämonen, Golems und Untote. Ihre Verdienste um das Fürstentum hatten Morânia letztlich einen Grafentitel dort beschert – den sie aber kürzlich wieder niedergelegt hatte, um in einem Paladin-Orden der Sicherheit der Insel auf andere Weise zu dienen. Eben jene Ereignisse – die Übergabe der Grafschaft an ihren Nachfolger und die Organisation des Ordens – hatten Morânia dann auch eine Weile komplett von Sigil ferngehalten, just zu der Zeit, als Naghûl mit den anderen in das Haus der Visionen und in die ganze Geschichte mit der Prophezeiung gestolpert war. Dann jedoch war sie nach Sigil zurückgekehrt, und so sehr Naghûl sich freute, seine Frau wieder an seiner Seite zu haben, so schwer war es doch, gerade ihr nichts von den jüngsten Ereignissen erzählen zu können. Zumal ihm klar war, dass diese Ereignisse ihn dauerhaft zurück nach Sigil holen würden, dass die gemeinsame Episode auf der Materiellen zumindest für ihn somit ein Ende fand. Das war an sich in Ordnung – andere, neue und spannende Erfahrungen warteten gewiss auf ihn. Doch seine Frau war dem Paladin-Orden auf der Materiellen nach wie vor verpflichtet und würde gewiss auch weiterhin überwiegend in dem kleinen Materiellen Fürstentum sein. Nun waren sie beide über hundert Jahre alt und für einige Wochen oder auch Monate getrennt zu leben, wog für sie nicht so schwer, wie es für ein junges, menschliches Paar der Fall gewesen wäre. Doch jetzt war da etwas, das sie noch auf anderer Ebene trennte - eine Prophezeiung zum einen und religiöse Verpflichtungen seiner Frau auf der anderen Seite. Und während Naghûl genau wusste, was Morânia für Pflichten hatte, konnte er ihr nicht erzählen, was seine neuen Verantwortlichkeiten waren. Auch wenn es gerade ruhig war und alle Erwählten – vorerst – ihren eigenen Angelegenheiten nachgingen, so war dies dennoch keine Situation, die Naghûl besonders gefiel. Er hatte hin und her überlegt, was zu tun war. Und als er sich gerade entschlossen hatte, Lady Erin zu fragen, ob er seine Gemahlin einweihen durfte, war das Schicksal ihm zuvorgekommen. Sie hatten beisammen gesessen, in Morânias Haus im Marktbezirk, und bei einer Flasche guten arboreanischen Weins geplaudert und den Abend verbracht. Naghûl war nicht entgangen, dass seine Frau seit einigen Tagen stiller als sonst und nachdenklich gewirkt hatte. Am nämlichen Abend dann hatte er erfahren, wieso. Es sei etwas Bund-Internes, so hatte sie ihm eröffnet, jedoch hatte sie nach einigen Wochen des Abwägens beschlossen, dass die Angelegenheit zu groß und bedeutend war, um sie mit sich allein auszumachen. Daher hatte sie ihre Bundmeisterin Rhys gebeten, sich ihrem Mann anvertrauen zu dürfen und die Erlaubnis dafür erhalten. Naghûl hatte seinen Ohren kaum getraut, als Morânia ihm daraufhin berichtet hatte, Rhys habe in der Stadt des Sterns im Elysium ein Pergament gefunden – ein Stück einer uralten Prophezeiung. Dann hatte sie ihm eben jene, inzwischen allzu vertraute Geschichte erzählt: von den Erwählten des Ringes, von der Deus Machina … und dass Bundmeisterin Rhys davon ausging, dass auch Morânia eine dieser Erwählten war. Ihre Verbindung zur Kadenz der Ebenen hatte sie zu diesem Schluss gebracht. Naghûls grenzenlose Überraschung hatte rasch einer tiefen Erleichterung Platz gemacht, dass er seine Frau nicht mehr nur nicht ausschließen musste, sondern dass sie gemeinsam Teil dieser Sache waren. Aufgeregt hatte er ihr dann seinen Teil der Geschichte erzählt, auch von Lereia, Jana, Sgillin und Kiyoshi, von der Allianz der vier Bünde und den Morden im Stock. Einfach alles eben. Und während er das getan hatte, hatte er erkannt, wie auch Morânias Erstaunen der Erleichterung gewichen war. Sie hatten fast die ganze Nacht geredet, beide aufgekratzt über all die Neuigkeiten, aber auch glücklich darüber, dies nun gemeinsam durchstehen zu können. Am nächsten Tag hatte Morânia Rhys davon erzählt, und die Bundmeisterin der Kryptisten hatte erklärt, in der Sache auf ihre Kollegen Sarin, Erin, Terrance und Ambar zuzugehen. Und ebenso wie Rhys die anderen Bundmeister ins Bild setzte, so war es nun Naghûls Aufgabe, das bei den anderen Erwählten zu tun. Er hatte sie um ein Treffen gebeten und einige Tage später trafen sie sich in der Limbus Bar. Naghûl nickte bei sich. Die Sache mit der Prophezeiung hatte nun lange genug geruht. Alle hatten genügend Zeit gehabt, ihnen wichtige Dinge zu regeln – doch sie konnten die Augen nicht davor verschließen, dass diese mysteriöse Geschichte nun Teil ihres Lebens war.
In der Limbus Bar herrschte an diesem Abend wie immer geschäftiges Treiben. Die mit Chaosmaterie gefüllten Glaslaternen, die zu Dutzenden unter der Decke hingen, tauchten den Raum in stets wechselndes Licht, während sie in unregelmäßigen Abständen Farbe und Helligkeit änderten. In den bunt beleuchteten Regalen hinter der Bar standen Dutzende von Flaschen, in denen das Änderbier bereits durch die Gedanken der Githzerai-Eigentümer Mrak'Ka und Zerkal diverse Zustände angenommen hatte. Etwas anderes als Änderbier wurde hier nicht ausgeschenkt, da man es ja durch die eigene Vorstellungskraft in jedes gewünschte Getränk verwandeln konnte. Die Flaschen in den Regalen waren für jene Kunden, denen es schwer fiel, sich adäquat auf ihre Getränkewünsche zu konzentrieren und die kein Risiko eingehen wollten. Doch nur die beiden Githzerai schienen das Geheimnis zu kennen, wie das Änderbier den gewünschten Zustand auch beibehielt, wenn sie es aus der Hand gaben. Bei allen anderen Gästen verwandelten sich die Getränke zurück in Änderbier, wenn sie versuchten, sie an jemand anderen weiterzugeben. Naghûl war, eher untypisch für ihn, überpünktlich gewesen und somit der erste in der Bar. Als zweiter traf Kiyoshi ein, auch er ein wenig vor der verabredeten Zeit. Als Naghûl ihn nach seinem Befinden fragte, erklärte der junge Mann, dass er zwar die Grundausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, zeigte dem Tiefling jedoch etwas, das ihn seit einigen Wochen beschäftigte: Eine körperliche Veränderung war mit ihm vorgegangen, mit der er nicht gerechnet hatte. Sie zeigte sich in der Form dünner, messingfarben schimmernder Schuppen, die nun die Oberseite seiner Unterarme und seine Handrücken bedeckten. Einhergegangen war diese Veränderung mit einem kurzen Ohnmachts-Anfall, der Kiyoshi offensichtlich auch im Nachgang sehr unangenehm war. Er hatte seiner Ausbilderin Amariel davon berichtet, und diese hatte ihm angedeutet, dass er möglicherweise Drachenblut besaß. Oft zeigten sich Drachenblut-Einflüsse bereits in der Pubertät, doch in manchen Fällen kam dieses Erbe auch erst im jungen Erwachsenenalter zum Vorschein. Eben dies schien bei Kiyoshi der Fall zu sein. Naghûl fand die Geschichte spannend und aufregend und bestärkte den jungen Soldaten darin, dass dies keineswegs etwas Schlechtes war, sondern im Gegenteil eine Art Auszeichnung. Denn wenn er wirklich das Erbe eines Messingdrachen in sich trug, so würde ihm dies einige körperliche Vorteile bescheren und wahrscheinlich auch Fähigkeiten, die über die eines gewöhnlichen Menschen hinausgingen. Kurz nach dieser Enthüllung trafen auch Sgillin und Lereia ein, und als letzte dann Jana. Diese sah sich zufrieden in der Bar um, als sie Platz nahm.
„Bin ich froh, dass wir diese Mord-Geschichte hinter uns haben“, stellte sie fest. „Ich hatte die Feuerebene gar nicht als so ungastlich in Erinnerung.“
„Das kommt darauf an, wo man ist“, warf Naghûl ein. „Die Bronzene Stadt ist zwischen all dem Feuer doch eher angenehm. Guten Schnaps haben sie dort auch.“
Jana hob die Schultern. „So angenehm eine Ifriti-Stadt sein kann, nehme ich an. So … wollen wir darauf anstoßen, dass wir noch am Leben sind?“
Der Tiefling nickte enthusiastisch. „Ich zahle die erste Runde.“
Er bestellte sechs Änderbier und bemerkte die prompt verwirrten Blicke in der Runde.
„Verzeiht meine Unwissenheit“, begann Kiyoshi seine Frage in der für ihn typischen Art. „Aber sind wir nicht nur zu fünft?“
Lereia hob unwissend die Schultern und Jana nickte zu Kiyoshis Worten.
„Genau. Erwarten wir noch jemanden?“
Naghûl grinste nur zufrieden und genoss die offensichtliche Verwirrung, woraufhin Sgillin den Kopf schüttelte.
„Sinnsaten …“
Als das Änderbier gebracht und in hohen Gläsern vor ihnen abgestellt wurde, betrachtete Kiyoshi interessiert die wabernde, ständig die Farbe ändernde Flüssigkeit darin.
„Verzeiht meine Unwissenheit“, wandte er sich an Lereia. „Aber was ist das, was wir da gerade im Begriff sind zu trinken? Wenn die Frage erlaubt ist.“
„Oh, das ist Änderbier“, erklärte die junge Frau hilfsbereit und offenbar froh, über diesen Aspekt der Sigiler Kultur schon Bescheid zu wissen. „Es kann jeden Geschmack annehmen, den Ihr möchtet. Ihr konzentriert Euch darauf und verwandelt es somit zum Beispiel in Wein.“
Kiyoshi betrachtete das Glas vor sich mit ernstem Blick. „Enthält es Alkohol? Also, wenn die Frage gestattet ist.“
„Nur, wenn du es willst“, meinte Jana. „Stell dir einfach vor, es wäre klares Wasser oder Wein. Oder was du eben gerne so trinkst.“
„Ah“, machte der junge Soldat und musterte das Glas vor sich mit unvermindertem, stillem Ernst. „Das ist ja in der Tat interessant.“
Mit einem Lächeln beobachtete Lereia ihn. „Also, einfach auf ein Getränk konzentrieren. Und macht Euch nichts daraus, wenn es beim ersten Mal nicht richtig funktioniert.“
Während die anderen Kiyoshi die Wunder des Änderbiers erklärten, hatte Sgillin sich zurück gelehnt und auf sein Glas konzentriert. Das Getränk wurde goldgelb und roch nach Honig. Naghûl musste schmunzeln. Natürlich, Met. Jana wollte nun schon ihr Glas zum Anstoßen heben, doch der Tiefling hielt sie zurück.
„Wir sollten vielleicht noch kurz warten.“
„Auf wen denn?“ fragte Jana, nun mit einem Anflug von Ungeduld.
„Auf die sechste Person in unserem Kreis.“
„Du weichst aus“, erwiderte die Hexenmeisterin. „Sag einfach, auf wen wir warten.“
Naghûl blickte zum Eingang, und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Auf sie.“
Da stand sie in der Tür, seine Frau. Das goldblonde Haar schimmerte leicht im Licht der vielen Laternen, die alabasterne Haut und die strahlend blauen Augen spiegelten deutlich ihr himmlisches Erbe, noch mehr jedoch die gefiederten, weißen Schwingen, die sich hinter ihrem Rücken ausbreiteten. Ihr Scheusalserbe hingegen war auf den ersten Blick nur an den beiden geschwungenen Hörnern zu erkennen. In einem schlichten, aber eleganten weißen Kleid mit goldener Borte stand sie am Eingang und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Als sie die Gruppe um Naghûl entdeckt hatte, näherte sie sich dem Tisch.
„Oh, hallo Morânia“, grüßte Sgillin lächelnd. „Lange nicht mehr gesehen.“
Der Halbelf kannte die Bal'aasi schon seit einer Weile aus dem Fürstentum Meresin, ebenso wie Jana, die dort ebenso eine Zeitlang gelebt hatte. Mit Lereia war Morânia nur flüchtiger bekannt, doch sie hatten einander ein paar Mal getroffen. Somit war Kiyoshi der einzige am Tisch, den Morânia noch nie gesehen hatte. Er erhob sich auch sogleich und verneigte sich mit vor der Brust gefalteten Händen.
„Konninchi'wa, ehrenwerte Fremde“, grüßte er.
„Lathander zum Gruße“, erwiderte Morânia, für ihre Verhältnisse ungewöhnlich zurückhaltend, wie Naghûl wohl bemerkte.
Auch dass sie hier in Sigil im Namen des Morgenfürsten und nicht in dem der Dame grüßte, war eher selten. Es zeigte dem Tiefling, dass seine Frau sich trotz all der Kämpfe und Abenteuer, die sie schon erlebt hatte, in dieser Frage und Situation unsicher fühlte. Wer konnte es ihr verdenken? Er erinnerte sich noch gut, wie er selber sich gefühlt hatte, als Lady Erin ihm vor einigen Wochen von der Prophezeiung und seiner Rolle darin berichtet hatte. So beugte er sich zu seiner Frau, als sie Platz nahm und begrüßte sie mit einem Kuss.
„Mein teuflischer Engel, schön, dass du hergefunden hast.“
Sie lächelte kurz, als er den von ihm oft und gerne verwendeten Kosenamen benutzte, dann nickte sie in die Runde, wobei ihr Blick an Kiyoshi etwas länger hängen blieb.
„Ja, Liebste“, setzte Naghûl an. „Du kennst ja alle hier bereits, außer unseren Freund Kiyoshi. Er stammt aus Kamigawa und gehört dem Harmonium an. Guter Mann.“
„Dem Harmonium“, wiederholte seine Frau mit einem sachten Nicken. „Sehr angenehm, werter Kiyoshi.“
Naghûl wusste, dass Morânias Verhältnis zum Harmonium seit der Bundmeisterschaft von Sarin und davor Lady Juliana wieder deutlich entspannter war und sie daher Kiyoshis Bundzugehörigkeit nicht nur neutral, sondern sogar mit Wohlwollen aufnahm. Sgillin hatte inzwischen begonnen, seine Pfeife zu stopfen und musterte Morânia wie auch Naghûl dabei abwartend. Auch die anderen warteten neugierig und teilweise ungeduldig darauf, was der Sinnsat ihnen nun zu sagen haben mochte. Naghûl atmete noch einmal innerlich durch und nahm sein Änderbier. Es färbte sich sofort tief rot und wurde dickflüssig - heißes Hasenblut mit einem Schuss Rum. Kiyoshi blickte kurz zu ihm, nahm dann ebenso sein Glas, konzentrierte sich … sein Getränk waberte etwas und verfärbte sich schließlich hellgrün. Es roch nach Tee mit Sake. Kiyoshi stellte es umgehend wieder auf dem Tisch ab. Naghûl registrierte dies zwar, sagte aber nichts weiter dazu, sondern sah in die Runde.
„Nun sind wir vollzählig. Wir wollen feiern, dass sich unser Kreis um eine Person erweitert hat.“
Lereia ließ ihr Getränk, verwandelt in heißen Tee, sinken und schaute ihn erstaunt an.
Sgillin hingegen grinste. „Ach, tatsächlich?“ Er sah zu Morânia. „Du auch?“
„Ähm ... es sieht so aus“, erwiderte Morânia, untypisch unangenehm berührt davon, dass alle Blicke im Moment auf ihr ruhten. „Das Ganze erscheint mir ehrlich gesagt noch etwas unwirklich.“
Jana, die Morânia die ganze Zeit über regelrecht angestarrt hatte, räusperte sich nun „Du musst uns das nachsehen, aber ... also, wir wussten von nichts und sind etwas überrascht.“
„Welches Kind bist du denn?“ fragte Sgillin neugierig. „Oder geht’s dir wie mir und dir fehlt noch die Zuordnung?“
Wie auf Kommando holte Lereia ihr Büchlein hervor und blätterte darin zur richtigen Seite. Morânia hingegen lächelte nun zum ersten Mal wirklich.
„Ich bin das Kind, das die Seele des Himmels trägt.“
„Das ist neu ...“, murmelte Lereia, während sie hin und her blätterte.
„Aber auf jeden Fall passend“, fügte Sgillin lächelnd an.
„Woher wisst Ihr das so genau?“ hakte Lereia vorsichtig nach.
„Offenbar haben wir alle ein anderes Stück dieser Schrift“, erklärte die Bal'aasi. „Zudem besitzt meine Bundmeisterin eine besondere Gabe … nein, eher eine Fähigkeit, die sie sich hart erarbeitet hat. Sie steht in Verbindung mit der Kadenz der Ebenen. Und dies lässt sie manches ... sehen.“
Lereia notierte mit und stellte sogleich ihre nächste Frage. „Welchem Bund gehört Ihr an, Morânia?“
Naghûl bemerkte wohl die förmliche Anrede, derer die junge Frau sich noch bediente. Sie kannte Morânia weniger lang und gut als Jana und Sgillin, und die gehobene Stellung, die seine Frau in Meresin einnahm – erst als Gräfin, nun als Paladin im Orden des Lichts – tat sicher ein Übriges dazu. Morânia lächelte freundlich und konzentrierte sich erst jetzt auf ihr Glas mit Änderbier, um es wie Naghûl in warmes Hasenblut zu verwandeln, ihres allerdings ohne Rum. „Ich gehöre dem Transzendenten Orden an“, beantwortete sie dann Lereias Frage.
„Die sind schwer in Ordnung“, warf der Tiefling ein.
Wie erhofft musste seine Frau über die etwas flapsige Bemerkung lachen und entspannte sich dabei. „Aber hallo!“ meinte sie.
Sgillin nahm einen Schluck Met und runzelte überfordert die Stirn. „Ähm, was genau ist eine Kadenz und was macht der Transzendente Orden?“
„Wir werden auch die Kryptisten genannt“, erklärte Morânia ihm. „Mein Bund strebt eine Einheit von Körper und Geist an, von Tat und Gedanken. Und wir nehmen in Sigil die Rolle der Vermittler bei Streitigkeiten ein. Die Kadenz der Ebenen ist der Seinszustand des Multiversums, in dem man mit einem höheren Bewusstseinszustand in Verbindung treten kann.“
Naghûl konnte Sgillins Blick deutlich entnehmen, dass Morânias Erklärung speziell zur Kadenz ihm nicht wirklich weitergeholfen hatte. Er konnte es ihm nicht verdenken. Wahrscheinlich verstand niemand außer den Kryptisten selber, was die geheimnisvolle Kadenz sein sollte. Morânias Schmunzeln zeigte, dass derartige Reaktionen auf Erklärungen zu ihrer Bundphilosophie ihr nur allzu bekannt waren. Der Halbelf nahm erst einmal einen Zug aus seiner Pfeife, eher er wieder einen Einstieg in das Gespräch fand.
„Kryptisten ... so so. Kennst du einen oder eine Lataris Goldauge? Sie oder er steht auf unserer Liste als jemand von denen, die sich bald eurem Bund mit bestimmten Hintergedanken anschließen wollen - oder sich schon angeschlossen haben.“
„Oha.“ Die Bal'aasi hob die Brauen. „Ich werde nachfragen, ob wir einen Neuzugang dieses Namens haben.“
Lereia nahm einen Schluck von ihrem Tee, blätterte noch einmal kurz in ihrem Buch und sah dann wieder zu Morânia. „Ich hätte auch noch eine Frage. Das klingt vielleicht etwas plump, aber ich frage geradeheraus: Was könnt Ihr? Unter der Bezeichnung Seele des Himmels kann ich mir nicht viel vorstellen.“
Nun lehnte Morânia sich zurück und seufzte leise. „Tja … eine gute Frage. Ich muss leider zugeben, dass ich es noch nicht genau weiß. Bundmeisterin Rhys sagte etwas davon, dass ich Botschaften und Antworten im Rahmen der Übereinkunft überbringen könnte. Sie wusste aber auch nicht, was das bedeuten soll.“
Nun musste Sgillin lachen. „Na dann, willkommen im Club. Du weißt von deiner Fähigkeit genauso viel wie wir von unseren.“
Naghûl musste auf diese Bemerkung hin grinsen und hob sein Glas, um Sgillin zuzuprosten.
Jana hingegen schüttelte leicht den Kopf. „Entschuldigt, ich bin nur immer noch sehr überrascht. Und ich muss zumindest offiziell gegen … also, gegen einen Paladin ... ähm, Protest einlegen.“
Sie grinste dabei, doch Kiyoshi zog bei der Bemerkung eine Augenbraue hoch – die deutlichste Gefühlsregung seinerseits, die er seit Betreten der Bar gezeigt hatte. Morânia tat es ihm gleich.
„Das hast du Sarin hoffentlich nicht gesagt“, erwiderte sie amüsiert.
Jana musste lachen. „Nein, ich soll mich einem Bundmeister gegenüber respektvoll verhalten, wurde mir eingeschärft.“
„Sehr weise“, entgegnete die Bal'aasi schmunzelnd.
Jana drehte ihr Glas auf der Tischplatte und wurde wieder ernster. „Nun also ... Ich habe eigentlich gehofft, dass wir das heute abschließen und wieder ... also, normal leben können. Ihr wollt das wirklich weiter verfolgen?“
Lereia runzelte verwundert die Stirn. „Na ja, diese andere Geschichte hatte doch gar nichts damit zu tun.“
„Genau“, meinte Sgillin. „Das auf der Feuerebene war ja nur ein Zwischenspiel, das gar nicht Teil der eigentlichen Sache war.“
Die Hexe seufzte tief. „Also schön. Aber wollen wir wirklich ... also, arbeiten? Dann sollten wir uns einen ruhigeren Ort suchen. Hier kann man eigentlich nur feiern.“
Obgleich Morânia Janas manchmal wirre Art kannte, schien sie heute doch überrascht von ihren Gedankengängen. „Ich weiß nicht, ob arbeiten es trifft“, entgegnete sie. „Ich meine ... es ist unsere Bestimmung, oder?“
Jana lachte etwas, mit einer Mischung aus Zweifel und Erheiterung. „Wirklich? Ich bestimme lieber selber, als ... was auch immer.“
„Es gibt Dinge, die man nicht selber bestimmen kann“, erwiderte Morânia ruhig.
„Zum Beispiel seine Hautkrankheiten“, warf Kiyoshi völlig unvermittelt ein und besah sich dabei die messingfarbenen Schuppen auf seinen Handrücken.
Sgillin warf einen Blick auf Kiyoshis Hände. „Das sieht nicht nach einer Krankheit aus. Na ja, wenn's sich ausbreitet, kann es passieren, dass du dich ab und zu mal häuten musst. Aber glaub mir, das ist ganz entspannend.“
Naghûl grinste bei sich. Er wusste, dass Sgillin damit auf ein Abenteuer in den Bestienländern anspielte, im Verlaufe dessen er zeitweise in eine Schlange verwandelt gewesen war. Auch Morânia blickte nun zu den Schuppen.
„Es sieht schöner aus als eine Hautkrankheit, finde ich.“
„Verzeiht“, erwiderte Kiyoshi mit ernstem Gesicht. „Aber mein Herr und Fürst, der Bundmeister Sarin-gensui, befahl mir, hin und wieder einen Scherz zu machen.“
Morânia hob erstaunt die Brauen. „Euer Herr und Fürst? Donnerwetter. Und das befahl er? Nicht wirklich?“
Kiyoshis Blick schien noch eine Spur ernster zu werden. „Ich nehme nicht an, dass Ihr meine Worte in Frage stellen, sondern nur Eurem Erstaunen Ausdruck verleihen wolltet. Gehe ich Recht in dieser Annahme, ehrenwerte Morânia-san?“
Verwirrt runzelte Morânia die Stirn, während Naghûl grinsen musste und sah, dass auch Lereia hinter ihrem Glas schmunzelte. Im Gegensatz zu seiner Frau hatten sie alle ja bereits zur Genüge mit Kiyoshis spezieller Art Bekanntschaft gemacht. Morânia würde sich nun erst einmal darauf einstellen müssen.
„Ähm, ich möchte natürlich nicht anzweifeln, dass es so ist, wie Ihr sagt“, erklärte sie nun diplomatisch. „Es wundert mich nur … ein bisschen.“
Naghûl musste lachen bei der Art, wie sie die beiden letzten Worte betonte. Kiyoshis Bemerkung klang auch reichlich bizarr, das musste er zugeben. Sollte Sarin ihm das tatsächlich befohlen haben? Der Tiefling konnte sich das wirklich nicht vorstellen und nahm eher an, dass der junge Mann aus Kamigawa vielleicht etwas missverstanden haben mochte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.
„Also, sollen wir woanders hingehen?“ kam Lereia auf das vorherige Thema zurück.
„Wenn es nach mir geht, bleiben wir hier und betrinken uns“, meinte Jana leichthin. „Sind lustig und lachen, und morgen können wir dann weitersehen.“
Sgillin zuckte mit den Schultern. „Ich hab hier leider kein Haus, in dem ich euch meine Gastfreundschaft anbieten könnte.“
„Mein Haus ist im Marktbezirk“, erklärte Morânia. „Das wäre vielleicht am nächsten.“
„Darf man dort rauchen?“ fragte der Halbelf sofort.
„Ja“, entgegnete Morânia lachend.
„Wir können auch gerne zu mir gehen“, bot Lereia an, woraufhin die Bal'aasi ihr einen überraschten Blick zuwarf.
„Ihr habt bereits ein Haus hier?“
„Ja“, bemerkte Sgillin mit einem Grinsen. „Einmal in Sigil einem Bundmeister zugelächelt und schon hat sie ein Haus.“
Lereia hob abwehrend die Hände und lächelte etwas beschämt. „Nun ja, ich habe nicht viel dafür getan. Ambar hat es mir geschenkt.“
Erstaunt hob Morânia die Brauen. „Ambar hat es Euch geschenkt? Ahaaa.“
Sie grinste vielsagend, aber offensichtlich im Scherz. Jana begann zu lachen und warf einen Seitenblick auf Sgillin.
„Ja“, meinte dieser. „Ich find's auch merkwürdig.“
„Nicht merkwürdig und auch nicht ahaaaa“, erwiderte Lereia ernst. „Er ist mein Mentor und meint es nur gut.“
Sie nickte bei diesen Worten immer wieder bekräftigend und Morânia lächelte.
„Schon gut, es war nur ein Scherz.“
„Ich weiß“, meinte Lereia. „Ich hatte nur schon so ein schlechtes Gewissen wegen des Hauses.“
Jana hob ihr Glas, wohl um die Haus-Diskussion zu unterbrechen. „Also … trinken wir auf die Bundmeister?“
Morânia nickte und tat es ihr gleich. „Darauf stoße ich an, Jana. Wir haben alle einen, auf den ich guten Gewissens trinken kann, denke ich.“
„Aber nur auf unsere“, bemerkte Naghûl, während er nach seinem Glas griff. „Denn das sind die angenehmen.“
„Definitiv“, stimmte Jana zu. „Ich möchte sicher nicht auf alle Bundmeister trinken.“
Lereia nickte. „Auf unsere Bundmeister“, stimmte sie mit ein.
Kiyoshi konzentrierte sich abermals auf sein Getränk - der Geruch nach Sake verschwand. Er nickte zufrieden und hob sein Glas.
„Auf unsere Bundmeister und ihre wundervollen Eigenheiten“, meinte Naghûl und sah dabei mit einem kurzen Grinsen zu Sgillin.
„Ich hab keinen“, erwiderte der Halbelf mit einem Schulterzucken.
„Dann musst du halt aussetzen“, meinte Jana mit einem frechen Grinsen und nahm einen tiefen Schluck.
Naghûl prostete seinem Freund zu. „Sgillin, ich kann es dir nur immer wieder anbieten: Komm zu uns.“
„Ne, ne“, wehrte der Halbelf ab. „Das würde nicht gut gehen, glaub ich.“
„Dann zum Harmonium“, meinte Morânia erheitert.
„Ich glaube, das wäre eine wunderbare Erfahrung“, stimmte Naghûl ihr breit grinsend zu.
Als sie ihre Getränke geleert hatten, sah Morânia in die Runde. „Und nun? Bleiben oder gehen? Ich muss ja gestehen, dass ich schon darauf brenne, mit euch über all das zu sprechen. Immerhin ist es für mich noch etwas neuer als für euch.“
„Ich bin für Morânias Haus“, erklärte Naghûl. „Ich habe Lust zu backen.“
„Ha!“ Sgillin deutete auf Naghûl. „Das, mein lieber Sinnsat, will ich sehen ... und schmecken.“
Jana erhob sich. „Ich auch.“
„Meine Backkunst obsiegt“, bemerkte Naghûl strahlend. „Wunderbar!“
Während sie sich erhoben und nach ihren Mänteln griffen, musterte Morânia Jana kurz nachdenklich.
„Du bist jetzt wirklich eine Verlorene?“ fragte sie dann ganz direkt.
Jana trank den letzten Rest ihres Bieres aus, verharrte einen Moment und nickte dann „Ja. Du … hast mir das mit dem Paladin nicht übel genommen, oder?“
Morânia lachte. „Ach, keine Sorge, ich weiß doch, wie das im Käfig läuft. Außerdem bin ich ein Paladin der besten Sorte, mich kannst du also nicht gemeint haben.“
Jana grinste erleichtert. „Das ist wohl so. Und Naghûl kann wirklich backen?“
„Und wie!“ bestätigte Morânia, und Naghûl bemerkte einen gewissen Stolz bei dem sofortigen, aufrichtigen Lob seiner Frau.
„Dann nichts wie los“, meinte Jana lächelnd.
„Müssen wir noch einkaufen gehen?“ fragte Lereia zögernd.
Naghûl winkte sorglos ab. „Garantiert hat Morânia alles da. Sie will ja keinen schlecht gelaunten Ehemann, weil er nicht backen darf.“
„Du bunkerst doch eh alles bei mir“, entgegnete Morânia lachend.
- - -
Als sie die Limbus Bar verließen, war die Stunde des Letzten Lichts bereits verstrichen. Es war ein kühler Tag mit leichtem Niederschlag, ein rastloser Wind wehte durch die Straßen. Sie hatten einen kleinen Wagen genommen, um zu Morânias Haus im Marktbezirk zu fahren, doch im Gildenhallen-Bezirk, nicht allzu weit entfernt vom Großen Gymnasium, machte Naghûl dem Fahrer ein Zeichen, anzuhalten. Der ältere Gnom brachte die Bytopianischen Ponys zum Stehen und der Tiefling stieg ohne weitere Erklärungen aus dem Wagen.
„Was soll das nun werden?“ wollte Jana angestrengt wissen.
„Ich habe eine Idee“, meinte Naghûl nur und wartete dann wie selbstverständlich, dass auch die anderen ausstiegen. „Kommt mal mit.“
„Wenn ein Sinnsat eine Idee hat …“ meinte Morânia mit einem Seufzen, verließ aber den Wagen und gab dem Fahrer ein paar Münzen, damit er auf sie wartete.
Wahrscheinlich, so dachte Naghûl bei sich, kannte sie ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass man ihm die eine oder andere verrückte Idee sowieso nicht austreiben konnte. Nun, eigentlich die meisten verrückten Ideen. Die anderen folgten ebenso, Sgillin gelassen, Kiyoshi stoisch, Jana genervt und Lereia mit einem verwunderten Stirnrunzeln. Erst, als der Tiefling sie schon fast zum Ziel gebracht hatte, ließ der Halbelf dann doch ein eher angestrengtes Seufzen hören.
„Ach nöö …“
Naghûl aber grinste nur triumphierend und wies auf den Eingang eines unscheinbaren Hauses aus grauem Stein. Doch im Inneren war es alles andere als unscheinbar ...
„Was ist das hier?“ wollte Morânia wissen.
„Wie alles begann …“, erwiderte der Tiefling bedeutungsschwer. „Zumindest für Lereia, Sgillin und mich. Hier hatten wir zum ersten Mal mit allem zu tun.“
Lereia nickte. „Ja, das ist das Haus, in dem wir die Gräber gesehen haben. Jana und Kiyoshi waren damals nicht dabei. Es war unheimlich …“ Sie verschränkte die Arme und warf nun Naghûl einen verärgerten Blick zu. „So etwas könnten wir vorher ruhig absprechen.“
Entschuldigend hob der Tiefling die Hände. „Ich finde nur, wir sollten dies unseren Mit-Erwählten nicht vorenthalten.“
„Du willst dich nur vorm Backen drücken“, bemerkte Sgillin, halb scherzend, halb verstimmt.
Naghûl wusste, dass er seine Freunde mit der Aktion reichlich überrumpelt hatte. Doch hatte er keine Lust darauf gehabt, es im Vorfeld auszudiskutieren. Manchmal handelte er einfach lieber als zu reden. Er warf einen kurzen Blick zu seiner Frau, und ihr nachsichtiges Lächeln sagte ihm, dass sie ihm die kleine Eigenmächtigkeit bereits verziehen hatte. So holte er den Schlüssel hervor, den er damals von dem Dabus bekommen hatte und seitdem stets bei sich trug. Wie auch an jenem kühlen Tag von Regula ließ die Türe sich damit öffnen und auch diesmal war das Haus völlig leer - nur kahle Wände und nackter Boden. Die anderen folgten ihm schweigend und durchquerten möglichst leise den ersten Raum, gingen dann durch den Korridor, der in das nächste, größere Zimmer führte. Hier drehte Lereia sacht den Kopf.
„Da sind sie wieder. Welkende weiße Rosen ...“
„Wo?“ Morânia runzelte die Stirn, schien sich dann jedoch etwas in Erinnerung zu rufen. „Oder ist das deine Gabe? Naghûl erwähnte sie.“
„Ja“, bestätigte Lereia. „Ich nehme es als eine Art … Spur oder Signatur wahr. Aber es ist eher etwas Geistiges, niemand außer mir kann es sehen.“
„Jetzt arbeiten wir also doch“, bemerkte Jana seufzend, folgte den anderen aber weiter in den Raum. Fast andächtig aber auch angespannt sah Naghûl sich um.
„Hier wurden wir mit der Prophezeiung zum ersten mal konfrontiert“, erklärte er mit gedämpfter Stimme.
„Ja, hier erschienen die Gräber“, bestätigte Lereia. „Der Skorpion fehlt aber.“
Kiyoshis Blick wanderte in Mitte des Raumes. „Verzeiht meine Unwissenheit“, leitete er seine Frage ein. „Aber seht Ihr den seltsamen Wirbel dort ebenfalls?“
Naghûl folgte seinem Blick und entdeckte den Vortex, den sie auch bei ihrem ersten Besuch an genau dieser Stelle gesehen hatten. Beim letzten Mal war er aktiv gewesen, doch nicht heute.
„Das ist ein Vortex“, erklärte er dem jungen Soldaten. „Er ist heute jedoch inaktiv.“
Morânia sah sich aufmerksam um, fast als könnte sie etwas Besonderes hören oder sehen. „Aber etwas ... ist hier“, stellte sie fest.
Besorgt wandte Lereia ihr den Kopf zu. „Was spürt Ihr, Morânia?“
„Ich weiß nicht ...“ Sie sah sich abermals um und Naghûl beobachtete seine Frau gespannt, wie sie weiter in den Raum ging. „Es ist, als ob etwas ... an mir zieht.“
„Dann raus hier“, meinte Sgillin beunruhigt und Lereia runzelte die Stirn.
„Zieht? An Eurem Körper oder eher an Eurem Geist oder Eurer Seele?“
„Es ist nicht körperlich“, erklärte Morânia, nach wie vor hoch konzentriert. „Ja, eher die Seele.“
Jetzt schien es Sgillin zu ungemütlich zu werden. „Dann umso mehr ... raus hier!“
Naghûl hingegen beobachtete seine Frau wachsam, blieb aber ruhig. Sie hatten im Laufe der Jahrzehnte einiges gemeinsam durchgemacht und durchaus Schlimmeres als dies. Noch sah er keinen Grund, die interessanten und möglicherweise durchaus hilfreichen Vorgänge hier abzubrechen. Auch Morânia schien dies so zu sehen, denn sie rührte sich nicht.
„Nein ... wartet“, sagte sie stattdessen.
Doch dann, sehr plötzlich, wurde ihr Kopf ruckartig zurück gerissen, wie von einer unsichtbaren Macht, die nach ihr griff. Sofort trat Naghûl an ihre Seite und auch Jana eilte zu ihr, um sie notfalls zu stützen.
„Warum hört eigentlich nie jemand auf mich!“, entfuhr es Sgillin, während er die Hand an den Köcher legte.
Naghûl hatte vorsichtshalber Morânias Arm sacht gefasst, stellte aber fest, dass sie stabil stand. Dann sank ihr Kopf langsam wieder nach vorne und das goldblonde Haar hing ihr in die Stirn. Langsam strich sie es zurück … und als sie Naghûl anblickte, waren ihre Augen weiß, ohne Iris und Pupille, wie bei Jana, wenn sie eine Vision hatte - aber aus den ihren strahlte zusätzlich ein goldenes Licht, als leuchte eine Sonne dahinter. Erschrocken fuhr Naghûl zusammen. Doch ehe er einen weiteren Gedanken fassen konnte, bewegte Morânia die Lippen.
„Ich bin die Botin“, sagte sie, und ihre Stimme hallte merkwürdig nach, wie ein Echo.
Zögernd traten die anderen näher, und Morânia ließ den Blick einmal über alle Anwesenden schweifen.
„Ihr sucht Antworten“, fuhr sie dann fort. „Ich gebe Euch jene Antworten, die ich überbringen darf. Noch bin ich weit entfernt. Nur kurz lüftet sich der Schleier. Fragt.“
Sgillin war der erste, der sich vom Schreck und der Überraschung erholte. „Dann schnell“, meinte er geistesgegenwärtig und sah in die Runde. „Fragen?“
„Ich ...“ Lereia sah zwischen Morânia und Naghûl hin und her, offenbar unschlüssig ob sie etwas fragen sollte.
Auch der Tiefling war sich nicht ganz sicher, stellte dann aber ohne groß nachzudenken die erste Frage, die ihm in den Sinn kam. „Stimmt es, dass die Auserwählten keine geistige Signatur haben?“
Morânia drehte den Kopf in seine Richtung, ihre Augen strahlten noch immer hell und intensiv im Düster des alten Gemäuers. „Ja“, antwortete sie dann, und ihre Stimme hallte in dem großen Raum nach wie eine bronzene Glocke.
Naghûl atmete tief durch und sah zu Lereia, die sich nun auch ein Herz fasste.
„Wie viele Auserwählte sind es?“ fragte sie.
Morânia drehte den Kopf nun langsam zu Lereia – doch diesmal schwieg sie. Ein kurzes, atemloses Abwarten in der Gruppe, doch keine Antwort.
„Gibt es überhaupt noch andere Erwählte?“ versuchte Lereia es erneut.
Diesmal antwortete Morânia wieder. „Ja.“
„Wer sind die anderen Auserwählten?“ setzte Sgillin rasch nach.
Doch auch diesmal kam keine Antwort, Morânia musterte Sgillin nur – scheinbar abwartend – und schwieg.
„Verzeiht, ehrenwerte Gefährten“, bemerkte Kiyoshi vorsichtig. „Aber es mag mir scheinen, dass sie möglicherweise nur auf solche Fragen reagiert, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können.“
Naghûl nickte sacht. Gemessen am Muster der bisherigen vier Fragen mochte der junge Soldat durchaus recht haben. Er überlegte, was eine weitere sinnvolle Frage sein mochte, doch Jana kam ihm zuvor.
„Gibt es in anderen, hier nicht vertretenen Bünden Kräfte, die von der Deus Machina wissen und gegen uns arbeiten?“
Morânia drehte den Kopf zu Jana. „Ja“, antwortete sie mit hallender Stimme.
Doch dann, nach der dritten Antwort, erlosch das Glühen in ihren Augen, ihr Kopf sank nach vorne und ihre Schultern erschlafften ein wenig. Naghûl und Jana fassten sie rasch bei den Ellbogen, um sie vorsichtshalber zu stützen. Der Tiefling strich ihr dabei sacht über das Haar.
„Alles gut, Liebes?“ fragte er leise, nun doch besorgt über ihren Zustand.
Er beobachtete sie genau, als sie den Kopf wieder hob und sich leicht desorientiert umsah. Zu seiner Erleichterung wirkte sie zwar verwirrt, aber nicht verletzt.
„Ich ... glaube schon“, erwiderte sie, noch etwas schwach.
„Du bist definitiv eine von uns“, murmelte Jana tonlos und starrte Morânia mit einer Spur von Unbehagen an.
Die Bal'aasi schien es jedoch nicht zu bemerken, musste sich erst einmal stabilisieren und wieder zurecht finden.
„Was war das?“ fragte sie dann. „Meine Gabe?“
„Es sieht ganz so aus“, erwiderte Naghûl sanft. „Hast du alles mitbekommen?“
Morânia nickte. „Ich erinnere mich. Aber wie durch einen Schleier oder eine Wand.“
Erst jetzt nahm Sgillin die Hand wieder vom Köcher. „Was hat da durch dich gesprochen?“ wollte er wissen.
Naghûl sah, wie seine Frau einmal tief durchatmete, ehe sie antwortete.
„Ich glaube ... es war … sie. Die Seele des Engels …“ erklärte sie dann leise.
Der Sinnsat nickte. Ja, daran hatte er auch sogleich denken müssen. Eine alte Geschichte – und eine, die niemand außer ihm in diesem Raum kannte. Entsprechend verwirrt und fragend waren denn auch die Blicke der anderen.
„Was für ein Engel?“ fragte Lereia erstaunt.
„Es ist lange her“, meinte Morânia mit einem Seufzen und strich sich das goldblonde Haar zurück. Ihre gefiederten Schwingen bewegten sich sacht auf und ab. „Das war vor Jahren, in Meresin. Wir hatten ein Artefakt gefunden, eine Seelenkugel, in der die Seele eines Erzengels eingeschlossen war – oder zumindest ein Teil davon. Ich zerstörte damals die Kugel, um den Teufel Inzarik zu besiegen, der Meresin bedrohte. Das funktionierte auch, aber danach hatte die Seele keinen Körper ... und fuhr daher in meinen.“
Sgillin riss die Augen auf, und Naghûl kannte ihn gut genug, um zu erkennen, dass er vollkommen entgeistert war.
„Du ... du trägst einen Erzengel in dir?“
„Einen Teil ihrer Seele“, schwächte Morânia ab, wie um die anderen zu beruhigen. „Aber ja, so ist es. Manchmal spüre ich sie und ganz selten, in sehr gefährlichen Situationen, gibt sie mir einen Teil ihrer Kraft.“
Eine Weile herrschte tiefes Schweigen in dem dämmrigen Raum, als die anderen diese Mitteilung erst einmal verarbeiten und für sich sortieren mussten. Kiyoshi bemühte sich um größtmögliche Gleichmut, doch konnte man selbst ihm anmerken, dass die Geschichte ihn ein wenig überforderte – ebenso wie Sgillin, nur dass der Halbelf es deutlicher gezeigt hatte. Jana hingegen musterte Morânia nun mit noch größerem Unbehagen als zuvor. Lereia, auf der anderen Seite, schien von der Geschichte durchaus positiv angetan und musterte die Bal'aasi neugierig, wenn auch nicht aufdringlich. Dann schien ihr eine Frage zu kommen.
„Aber ... was hat dieser Engel mit der Prophezeiung zu tun? Woher weiß sie davon?“
Etwas hilflos hob Morânia die Schultern. „In unserem Stück der Prophezeiung steht etwas von einem Kind, das die Seele des Himmels trägt ... Was genau dieser Erzengel damit zu tun hat, weiß ich nicht. Aber ich bin sicher, dass sie gerade aus mir gesprochen hat. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass sie gewissen Beschränkungen unterliegt.“
„Sie sagte, sie sei weit entfernt“, überlegte Lereia. „Also ist sie nicht wirklich hier?“
„In gewisser Weise ist sie in mir“, erwiderte Morânia. „Aber meist ist sie in mir gefangen, und nicht umgekehrt … Ich weiß auch nicht, wo der Erzengel, zu dem dieser Seelenteil gehört, überhaupt ist. Das konnte ich bislang nie herausfinden.“
Sgillin schüttelte den Kopf und winkte ab. „Das ist mir zu hoch.“
Morânia rieb sich kurz die Schläfen, als sie offenbar nach Worten suchte, um etwas zu erklären, das sie selber nicht ganz verstand. „Irgendwie ... Sie wollte uns helfen, das habe ich gespürt. Aber sie darf nicht einfach alles sagen, was sie will. Es gibt Beschränkungen, aber ich kann nicht sagen, welcher Art und durch wen.“
„Hm ...“ Lereia drehte eine Haarsträhne um den Zeigefinger, wie sie es oft tat, wenn sie nachdachte. „Die Frage ist, warum und woher sie über die Sache mit der Prophezeiung Bescheid weiß. Und was sie mit weit entfernt meint.“
„Das weiß ich leider nicht genau“, erwiderte Morânia. „Aber irgendwie habe ich das Gefühl, sie könnte mehr Fragen beantworten, wäre sie näher ... auf welche Weise auch immer.“
„Verzeiht“, meldete sich nun Kiyoshi wieder zu Wort. „Aber wäre es dann nicht ein logischer Schritt herauszufinden, wie das bewerkstelligt werden kann? Vor allem, da wir ohnehin in die himmlischen Sphären müssen? Wegen der Hüterin und dem Verkünder, von denen die Fratze im Stock sprach.“
Naghûl nickte sacht. Ja, Lady Erin hatte ihm bereits angedeutet, dass die Erwählten wohl eine neue Mission erhalten würden. In eben jener Sache, die Kiyoshi gerade angesprochen hatte. Ein Blick in die Runde verriet ihm, dass der fröhliche Back- und Plauder-Abend sich vorerst erledigt hatte. Zum einen wirkte Morânia recht erschöpft von der ersten Begegnung mit ihrer Gabe und zum anderen waren auch die übrigen nachdenklich und verwirrt genug, um das Erlebte erst einmal verarbeiten zu wollen. Sie einigten sich daher, erst einmal alle nach Hause zu gehen, ihren Bundmeistern zu berichten und sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Ein paar Tage später, so beschlossen sie, würden sie sich erneut treffen und über alles sprechen.
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gespielt am 22. Mai 2012




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