„Wir alle sind eins – Götter, Sterbliche, sogar Scheusale entstammen derselben Quelle.“
Bundmeister Ambar Vergrove, Bestimmung des Daseins
Vierter Markttag von Regula, 126 HR
Der Bundmeister der Göttermenschen schlenderte über den Hof der Großen Gießerei, wie er es oft tat, jedoch aus einem Grund, der bislang einmalig war. Ein Traum … ein merkwürdiger Traum von einem Zebra, verwirrt und so gar nicht in das Bild von Ruß, Metall und Schmiedelärm passend, welches das Hauptquartier prägte. Das Traumbild alleine war ungewöhnlich genug, aber hinzu kam eine merkwürdige Gewissheit, dass es in Zusammenhang mit einer alten Prophezeiung stand. Einen Teil davon hatte er erst kürzlich entdeckt, eine dazu passende Legende war ihm schon länger bekannt. Er tastete nach dem in seinem Ärmel steckenden Pergamentstück. Die darauf stehenden Worte mochten heute an Bedeutung gewinnen - oder aber er bildete sich all das einfach nur ein und hatte lediglich einen wirren Traum gehabt. Doch nein … etwas sagte ihm, dass mehr dahintersteckte. So hatte er den für nachmittags angesetzten Termin mit Rowan Dunkelwald abgesagt und Ombidias stattdessen geschickt. Als er seinem Stellvertreter den Grund genannt hatte, war dem Voadkyn sein Missfallen durchaus anzumerken gewesen. Er hatte nur die Stirn gerunzelt und nicht viel dazu gesagt, doch Ambar wusste, dass er seinem Freund eine gute Flasche Schwarzbeer-Likör dafür schuldig war, ihn so kurzfristig und unverhofft dem Herzog vorgeworfen zu haben. Dann war er zu Zena gegangen, einer Waldläuferin, die sich um alle Tiere kümmerte, die sie im Areal der Gießerei auflas. Ob es sich um streunende Hunde, Katzen oder Echsen handelte, um Tiere, die durch Portale in den Käfig kamen oder um aus einem Zoo, Stall oder Palastgarten entlaufene Exemplare, Zena war stets zur Stelle.
Sie heilte Verletzungen, suchte Portale in Heimatebenen oder machte Besitzer ausfindig, denen sie die Tiere zurückbrachte - gesetzt sie war der Ansicht, dass diese sich gut genug um sie kümmerten. Zwar war auch Ambar selbst Waldläufer und hatte eine ausgeprägte Affinität zu Tieren, doch ein Zebra im Hof der Großen Gießerei fiel so eindeutig in Zenas Verantwortungsbereich, dass er die Tieflingsfrau ohne zu Zögern hinzu gebeten hatte. Als er die Stelle aus seinem Traum entdeckt hatte, blieb er an eine nahe Hauswand gelehnt stehen und wartete.
Zena sah ihn fragend an. „Verzeihung, Bundmeister, habe ich das richtig verstanden? Ihr sagtet, Ihr hättet davon geträumt, hier ein Zebra zu sehen?“
Er nickte sacht, ein paar Strähnen seines roten Haares fielen ihm dabei in die Stirn. „Ich weiß nicht, ob es prophetisch war oder einfach nur ein Traum. Aber ich dachte mir, sicherzugehen, kann nicht schaden.“
Die Waldläuferin nickte lächelnd. „Das stimmt allerdings. Denn für ein Zebra ist das hier wirklich nicht die passende Umgebung. Der Ruß, der Lärm und … die ganzen Xaositekten, die hier im Moment herumlaufen, machen die Sache auch nicht gerade besser.“
Ambar schmunzelte. „Ist das eine versteckte Rüge, dass ich dieses Projekt von Karan angenommen habe?“
„Nein.“ Sie grinste. „Das ist eine ganz und gar offene und unverhohlene Rüge, Bundmeister.“
Der Halbelf musste lachen. Er pflegte ein recht lockeres Verhältnis zu seinen Untergebenen, und ihm war bewusst, dass in den meisten Bünden ein Faktotum sich eine solche Bemerkung gegenüber dem Bundmeister nicht herauszunehmen wagte. Doch Steifheit und übertriebene Autorität lagen nicht in seinem Wesen, weswegen er, wie er wohl wusste, als einer der freundlichsten und zugänglichsten Bundmeister Sigils galt. Und er konnte sich dieses Verhalten erlauben, denn hätte es seiner Autorität Abbruch getan, wäre er nicht seit über zwanzig Jahren das Oberhaupt der Gläubigen der Quelle. So winkte er auf Zenas Bemerkung hin nur scherzend ab.
„Du musst die Kreativität des Projektes anerkennen, meine Liebe.“
„Ich werde Euch daran erinnern, wenn Bundmeister Sarin an Eure Tür klopft, um zu fragen, was wir da treiben.“
Ambar wollte schon zu einer Erwiderung ansetzen, als ein Geräusch ihn unterbrach. Hufgetrappel? Er stieß sich von der Wand ab und drehte den Kopf in Richtung des sacht heran wehenden Windes. Ja, ohne Zweifel, das leise Klappern von Hufen auf Stein war zu vernehmen. Auch Zena hatte es offenbar gehört, denn sie war ebenso wachsam wie er selbst. Schon wollte sie auf das Geräusch zueilen, doch er hielt sie zurück.
„Warte“, flüsterte er auf ihren fragenden Blick hin.
Er hätte nicht erklären können, worauf. Aber etwas würde geschehen … sollte geschehen. Er konnte es geradezu spüren. Dann erblickten sie das Tier. Es kam nicht im Galopp, aber dennoch relativ schnell um eine Hausecke gesprengt – nicht allzu weit hinter ihm ein dunkel gekleideter Mann mit Köcher und Bogen. Bei näherem Hinsehen war er als Halbelf zu erkennen, schlank, bartlos, mit längerem schwarzem, seitlich ausrasiertem Haar. Er schien die Tiersprache zu beherrschen, denn als er die Hand ausstreckte und sich auf das Zebra konzentrierte, blieb es stehen und blickte in seine Richtung. Dann näherten sich zwei weitere Personen. Der erste war ein attraktiver Tiefling in vornehmer, geradezu auffälliger Kleidung. Er besaß zwei große, gebogene Hörner und sein dunkelrotes Haar bildete einen ästhetisch ansprechenden Kontrast zu seiner blass-blauen Haut. Die andere Person war eine ausnehmend hübsche, zierliche Frau von kaum mehr als zwanzig Jahren. Er hätte sie für einen Menschen gehalten, doch war ihr langes Haar schneeweiß. Irgendetwas Besonderes musste also an ihr sein. Der Halbelf näherte sich nun dem Zebra und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Hals. Die Frau und der Tiefling wechselten ein paar Worte, doch dann griff sie sich an die Stirn und schwankte leicht. Ihr Begleiter stützte sie sofort, und der Bogenschütze wandte sich mit einer Frage zu den beiden um. Dann geschah etwas, mit dem Ambar nicht gerechnet und auf das sein Traum ihn nicht vorbereitet hatte. Es gab einen Lichtblitz, und dann regnete es plötzlich hellen Sand rund um das Zebra herab. Fein und staubend fiel er zu Boden, wo er in kleinen Wehen liegen blieb, die goldgelbe Farbe ein scharfer Kontrast zum dunklen Pflaster des Gießereihofes. Die drei Besucher schienen ebenso überrascht zu sein wie Ambar und Zena, und das Zebra stieß ein schrilles Wiehern aus. Sowohl der Halbelf als auch die Tieflingsfrau erkannten es als einen Aufschrei des Schmerzes. Nun gab es für die Zena kein Halten mehr. Sie rannte los, in Richtung des Zebras, und Ambar folgte ihr auf dem Fuß. Als sie die kleine Gruppe erreichten, ging die Waldläuferin sofort auf das Tier zu und redete leise und beruhigend auf es ein. Ambar ließ sie tun, was sie am besten konnte und musterte stattdessen den Halbelfen, den Tiefling und die weißhaarige Frau.
Der Tiefling schien aus Sigil zu stammen, denn er erkannte ihn sogleich und grüßte ihn mit einer tiefen Verbeugung. „Bundmeister Ambar“, sagte er überrascht. „Ähm … welch eine Ehre.“
Er nickte ihm zu und sah dann zu der jungen Frau, die eindeutig verwirrt schien. Sie folgte dem Beispiel des Tieflings und verneigte sich, doch war er sicher, dass sie keine Ahnung hatte, wer vor ihr stand. Sie musste neu in Sigil sein, aber das war gewiss nicht der einzige Grund für ihre offensichtliche Überforderung.
„Der Segen der Dame“, grüßte er sie somit freundlich. „Mein Name ist Ambar Vergrove, und ich bin Bundmeister der Gläubigen der Quelle. Und Ihr seid …?“
„Mein Name ist Lereia“, antwortete sie vorsichtig.
Obgleich ihre Zurückhaltung Teil ihres Wesens und zudem der Situation geschuldet sein mochte, war Ambar fast sicher, dass es noch einen anderen Grund dafür gab. Was er gerade beobachtet hatte, passte zumindest zu den Zeilen auf dem Pergament. Und da ein Traum von merkwürdiger Gewissheit ihn hierher geführt hatte … Er sah zu dem Halbelfen, der – nun gemeinsam mit Zena – noch immer bei dem Zebra stand.
„Gehört er auch … zu Euch?“ fragte er.
Die junge Frau nickte. „Ja, das ist Sgillin. Er ist mein Gefährte.“
Diese Auskunft war durchaus nicht uninteressant, jedoch nicht ganz das, worauf der Barde abgezielt hatte. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass er nicht nur mit seiner Vermutung richtig lag, sondern die drei hier auch bereits davon wussten. Er lächelte.
„Ich verstehe. Aber ich meinte, gehört er noch in ... anderer Weise zu Euch?“
„Ich verstehe nicht ganz“, erwiderte Lereia, doch ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie durchaus ahnte, was er meinte. „Ihr könnt offen sprechen“, fuhr sie dann auch fort. „Wir drei haben seit kurzer Zeit mit neuen Erkenntnissen zu kämpfen, wenn Ihr das meint.“ Also doch. Ambar musterte jetzt alle drei eingehender, unterbrach Lereia jedoch nicht, um diesen sensiblen Moment nicht zu stören, sie nicht am Ende davon abzuhalten, ihm das zu offenbaren, was er bereits vermutete. „Wir wissen selbst noch nicht ganz, um was es geht“, fuhr sie auch tatsächlich fort. „Naghûl hier ist vom Bund der Sinnsaten, die Bundmeisterin weiß darüber Bescheid ...“
Die Art, wie sie sich ausdrückte, bestärkte ihn in der Vermutung, dass sie noch neu in Sigil war, womöglich sogar in den Ebenen an sich. Eine Materierin? Sein Blick wanderte zum dem Tiefling, auf den sie deutete, und dieser lächelte unschuldig, fast, als wolle er mit all dem gerade nichts zu tun haben. Er war ganz bestimmt kein Planloser, zu sicher waren sein Gebaren, seine Gesten, sein ganzes Verhalten hier im Hof der Großen Gießerei von Anfang an gewesen. Zu sicher hatte er ihn sofort als Bundmeister der Gläubigen der Quelle erkannt. Als Lereia des Sinnsaten Bundmeisterin erwähnte, musste Ambar lachen.
„Die gute Erin“, bemerkte er, „Ja, warum wundert mich das nun gar nicht?“
Lereia sah verunsichert zu dem Tiefling und wieder zurück zu Ambar. „Ich weiß nichts über die Politik der Bünde“, erklärte sie vorsichtig. „Ich weiß nur, dass momentan viel passiert und wir das nicht so recht einordnen können ...“
Ehe der Sinnsat etwas erwidern konnte, zog der dritte aus der kleinen Gruppe, der Halbelf, die Aufmerksamkeit auf sich, als ihm ein überraschtes „Oh ...“ entfuhr und er alarmiert zu Ambar sah.
„Es passiert … etwas“, sagte er.
Der mit dem Namen Naghûl vorgestellte Tiefling fuhr zu ihm herum. „Was? Sgillin?“
Doch dieser schwieg und blickte starr auf Ambar. Der Bundmeister musterte ihn fragend, doch der Bogenschütze antwortete nicht, begann stattdessen ein wenig zu schwanken. Ambar warf einen kurzen Seitenblick zu Zena, die ebenso verwundert wirkte und fragend die Schultern hob. Naghûl ging zu Sgillin, um ihn zu stützen, doch in diesem Moment wurde sein Blick wieder klar.
„Ich ... ich bin ...“ Er unterbrach sich und deutete auf Ambar. „Ich war fast … er.“
„Bitte?!“ Zenas Frage klang ebenso energisch wie irritiert, sie runzelte unwillig die Stirn.
Ambar konnte ihr ansehen, dass der ganze Auftritt dieser drei ihr von Anfang an nicht wirklich gefallen hatte. Der Tiefling schien ebenso nicht begeistert davon zu sein, auch wenn er es besser verbarg. Doch er warf dem Halbelfen einen bedeutungsvollen Blick zu.
„Das solltest Du aber nicht, mein guter Freund“, bemerkte er ernst und auf eine Art, die deutlich machte, dass er sehr wohl wusste, was hier vor sich ging.
Lereia schüttelte den Kopf. „Das wird immer verrückter“, murmelte sie.
Zena wollte etwas sagen, doch Ambar hielt sie mit einer dezenten Geste davon ab und blickte fragend zu Sgillin. Dieser schien sich erst einmal sortieren zu müssen.
„Mein Geist ...“, versuchte er zu erklären. „Er ging aus meinem Körper ... zu Euch. Aber es ging nicht. Ehe ich mit Euch tauschen konnte, hat mich etwas abgehalten.“
Ja, sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Ambar war sich nun noch sicherer als zuvor. „Höchst faszinierend“, stellte er fest, und er spürte, wie eine gewisse Begeisterung von ihm Besitz zu ergreifen begann.
Sgillin musterte ihn forschend. „Ihr wisst es schon, oder?“
„Ja“, entgegnete Ambar ernst, „Und ich denke, wir sollten uns mal unterhalten.“
„Ja, bitte“, erwiderte Lereia und es war ihr anzumerken, dass die ganze Situation sie durchaus anstrengte.
„Aber was machen wir mit dem Zebra?“, warf Sgillin ein. „Ich würde es sehr gerne zurückbringen.“
Es sprach für ihn, dass er in dieser aufgewühlten Situation an das verirrte und an diesem Ort durchaus nicht gut aufgehobene Tier dachte.
Ambar nickte. „Zena sollte sich um das Zebra kümmern. Sie ist sehr erfahren mit solchen Dingen. Sie ist eine fähige Waldläuferin und kann das erledigen.“
Die Tieflingsfrau sah zu Sgillin. „Wisst Ihr, woher es kommt?“
„Aus den Bestienländern“, antwortete dieser. „Könnt Ihr es dorthin zurückbringen?“
Die Waldläuferin legte dem Tier sanft eine Hand auf den Hals. „Das werde ich tun“, versprach sie.
Sgillin wechselte noch einige Worte in der Tiersprache mit dem Zebra und nickte dann lächelnd. Ehe Zena sich um das Zebra kümmerte, wandte sie sich noch einmal um.
„Dann viel Glück bei … was auch immer“, sagte sie, eher allgemein in die Runde. Dann sah sie jedoch noch einmal direkt zu Ambar. „Bundmeister?“
„Ja, Zena?“
Sie musterte ihn ernst, so als ahnte sie etwas. „Achtet auf Euch, hm?“
Er lachte, wenngleich auch teilweise, um sie zu beruhigen. „Tue ich das nicht immer?“
„Leider nein“, erwiderte sie ernst. „Sonst würde ich es ja nicht sagen.“
Er fühlte sich ein wenig ertappt. „Deine Fürsorge ist reizend, Zena. Ich verspreche, ich passe auf. Bei was auch immer.“
Die Waldläuferin nickte, maß die drei unerwarteten Besucher mit einem letzten prüfenden Blick und wandte sich dann dem Zebra zu.
„Dann komm, meine Süße“, sagte sie sanft, und das Tier folgte ihr vertrauensvoll.
Sgillin sah dem Zebra noch eine Weile hinterher, und Lereia legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.
„Es geht ihm bald besser“, versicherte sie ihm.
Ihrer beider Sorge um das Tier wärmte Ambar das Herz. Dieser Punkt sprach auf jeden Fall eindeutig für die geheimnisvollen Gäste, die er nun in das Innere der Großen Gießerei führte. Sie durchquerten die Eingangshalle mit ihren hohen Fenstern, durch die selbst an trüben Tagen relativ viel Licht in den Raum strömte. Die anwesenden Bundmitglieder grüßen Ambar freundlich bis überschwänglich und er grüßte ebenso zurück. Dann führte er die Besucher eine Treppe nach oben, direkt in die über der Eingangshalle liegende Kapelle. Nun, zwar nannten sie es eine Kapelle und es gab auch einen Altar, jedoch wurden hier keine Gottesdienste im üblichen Sinne abgehalten. Viele der Bundmitglieder hingen zwar speziellen Gottheiten an, doch um diese zu verehren suchten sie die verschiedenen Tempel in Sigil auf. Hier in der Kapelle ging es um die Quelle von Allem, jene geheimnisvolle Macht, die nach Überzeugung des Bundes selbst den Göttern ihre Kräfte verlieh und zudem jedem beseelten Wesen den Funken schenkte, durch den jeder theoretisch selbst zu einem göttlichen Wesen werden konnte. Die Quelle wurde jedoch nicht in gleicher Weise verehrt wie eine Gottheit. Hier trafen sich die Gläubigen, um über die Philosophie des Bundes zu sprechen, Ideen auszutauschen oder sich Rat zu holen, wie man die Prüfungen des Lebens besser meistern konnte. Manchmal erzählte jemand, wie er eine Herausforderung bestanden hatte oder welchem Vorhaben er sich als nächstes zuwenden wollte. All dies wurde oft geleitet von einem Faktotum oder einem Faktor, der dann auch Fragen neuer Mitglieder beantwortete. Heute war dieser Faktor Keldor, ein älterer menschlicher Mann und langjähriger Freund von Ambar. Als der Bundmeister die Kapelle betrat, unterbrach er seinen Vortrag.
„Keldor“, grüßte der Halbelf ihn freundlich.
Der Faktor lächelte, als er ihn kommen sah. „Ambar! Schon zurück? Wie erfreulich! Was kann ich für dich tun?“
Richtig, er hatte ja angekündigt, erst gegen Abend zurückzukehren, rief der Bundmeister sich in Erinnerung.
„Ich unterbreche dich wirklich nicht gerne hier“, antwortete er seinem Faktor. „Aber ich bräuchte die Halle kurz für eine Unterredung.“
Er fragte sich selber, warum er gerade die Kapelle für dieses Gespräch brauchen sollte. Er hätte mit seinen Gästen genauso gut in den Grünen Saal gehen können. Oder in den Besprechungsraum nebenan. Warum verscheuchte er Keldor und die versammelten Gläubigen aus der Kapelle? Er konnte es sich selber nicht wirklich erklären. Doch etwas daran erschien ihm wichtig, und er hatte als Waldläufer gelernt, auf seine Instinkte zu vertrauen. Wenn die Kapelle ihm nun so dringend als der richtige Ort für das anstehende Gespräch erschien, dann mochte das einen guten Grund haben. Er bemerkte, dass Lereia sich interessiert umsah, während Keldor nickte. Sollte er sich über seines Bundmeisters Ansinnen wundern, so ließ er sich zumindest nichts anmerken. „Oh, aber sicher. Wir suchen uns ein anderes Plätzchen.“ Er musste kurz lachen. „Wo gerade keine Xaositekten herumschwirren. Meine Güte, haben wir wirklich zugesagt, für die einen Auftrag anzunehmen?“
Ambar schmunzelte, nicht ohne ein leichtes Seufzen. „Haben wir. Ich weiß, ich muss an dem Abend betrunken gewesen sein. Karan hatte da so einen komischen Wein …“
Er sah aus dem Augenwinkel, wie Naghûl eine Braue hob und Keldor grinste, ehe er sich an die versammelten Bundmitglieder wandte.
„Also gut, Leute, machen wir unserem Bundmeister mal Platz, hm?“
Ein leises Lachen ging durch die Runde, dann verließen die Mitglieder die Halle. Die Stimmung war, wie zumeist, gelöst und fröhlich, was Sgillin offenbar zu gefallen schien.
„Die sind ja alle entspannt hier“, bemerkte er.
„Fast so wie wir“, meinte Naghûl.
Sgillin zwinkerte ihm zu. „Aber nur fast.“
„Genau“, erwiderte der Tiefling mit einem breiten Grinsen, und Ambar musste für sich schmunzeln. Sinnsaten.
Lereia nickte ebenso. „Eine angenehme Atmosphäre, ja.“
„Dann viel Erfolg, Ambar“, rief Keldor noch von der Türe her, ehe er den Raum verließ.
„Danke, Keldor“, antwortete Ambar lächelnd und wandte sich dann an seine Gäste. „Bitte nehmt Platz.“
Er wies auf die hölzernen Bänke, die in einem weiten Halbkreis standen, blieb aber selber stehen und lehnte sich an den Altar. Die Nonchalance der Geste war ihm durchaus bewusst. Doch da hier in der Kapelle keine spezielle Gottheit verehrt wurde, sondern die Quelle von Allem, und somit eine eher abstrakte Idee von göttlicher Macht, machte er sich keine Gedanken darüber, hier vielleicht ein mächtiges Wesen verärgern zu können. Er musterte seine Gäste, erst Lereia, dann Sgillin und schließlich Naghûl, forschend, aber freundlich, ehe er begann.
„Also ... der Sand ...“ Er sah zu Lereia. „Ihr habt ihn hergeholt, oder?“
Naghûl legte den Kopf schief und runzelte fragend die Stirn, während die junge Frau ehrlich verwirrt dreinblickte.
„Ich ... ich weiß es wirklich nicht“, antwortete sie hilflos. „Um ganz ehrlich zu sprechen, seit kurzem kann ich an bestimmten Personen eine Art Spur wahrnehmen, die auf ihre Herkunft oder Heimatebene hinweist. Das haben wir herausgefunden. Dieses Gefühl vorhin aber war ganz neu. Es war wie ein goldener Schleier und ein Wirbel aus warmem Licht, der immer intensiver wurde, bis er schließlich explodierte. Mir wurde schwindelig, und als ich die Augen öffnete, hatte es den Sand geregnet. Es hing wohl irgendwie mit dem Zebra zusammen, da ich dessen Signatur als warmen Sand wahrnahm.“
Das war es. Ambar war sich dessen gewiss, es konnte gar nicht anders sein. Er nickte begeistert. „Sie, die aus Duft Materie webt und aus Materie Zukunft und Schicksal.“
Sgillin hob die Brauen und Lereia sah erschrocken zu den anderen.
„Die was? Ich dachte, nur die den Duft der Ebenen kennt.“
„So steht es hier geschrieben.“ Ambar zog nun das Pergament aus seinem Ärmel hervor, das er seit dem Morgen mit sich trug.
Lereia weitete die Augen. „Ihr wisst mehr über diese Prophezeiung?“
Und nahezu zeitgleich rief Naghûl aus. „Oh! Eine weitere Schrift?“
Nun war es an Ambar, verwundert zu sein. „Eine weitere? Es gibt mehrere?“
Der Tiefling hüstelte und Ambar erkannte, dass er sich in seiner Aufregung verhaspelt hatte.
„Oh, meine Bundmeisterin erwähnte etwas von einer Prophezeiung und ich ging einfach von einem Schriftstück aus“, versuchte der Sinnsat rückwirkend abzuschwächen.
„Ach so“, bemerkte der Bundmeister der Göttermenschen mit einem wissenden Schmunzeln.
Naghûl hatte seine Mimik erstaunlich schnell wieder unter Kontrolle. „Verzeiht bitte“, sagte er, „Ich hätte da eine Frage.“
Ambar nickte. „Fragt nur.“
„Was soll das für ein sonderbares Zeichen an der Säule sein?“
Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit dieser Frage. Verwundert drehte sich Ambar um und sah zu der Säule hinter dem Altar, auf die Naghûl deutete. Da war nichts.
„Was für ein Zeichen?“
„Naghûl ...“, bemerkte Lereia sacht. „Wir sehen das nicht.“
„Nun, dort.“ Der Tiefling deutete erneut. „Zwischen den Halterungen der Fahnen.“
Sgillin klatschte in die Hände. „Hervorragend!“
„Ich sehe nichts ...“, wiederholte Ambar verwirrt, doch dann begriff er. „Aha!“
„Es geht weiter ...“, murmelte Lereia, während Naghûl begeistert ausrief: „Ha! Ich sehe wieder etwas!“
„Na endlich.“ Sgillin nickte zufrieden.
Ambar warf einen Blick auf das Pergament. „Er, der sieht, was die Götter verbergen wollen. Da steht es!“
„Oha.“ Der Sinnsat klang sofort deutlich weniger begeistert, doch Sgillin nickte ihm anerkennend zu.
„Nicht schlecht, mein Freund, nicht schlecht.“
„Was auch immer sie damit zu verbergen versuchen, ich kann es nicht einmal deuten, wenn ich es sehe“, erklärte der Tiefling mit einem leichten Seufzen.
Ambar ließ sich durch diesen Einwurf die Stimmung nicht trüben und sah über seine Schulter zu der von Naghûl gezeigten Säule. „Und das hier in der Gießerei? Hervorragend!“ Er unterbrach sich und runzelte die Stirn. „Nun ja, hoffe ich ...“
„Unglaublich“, meinte Lereia, eher leise und fast zu sich. „Und was hat es mit Sgillins Fähigkeit auf sich?“
Ambar blickte zu Sgillin. „Erklärt einmal genauer, was Ihr könnt.“
„Nun, angefangen hat es vor ein paar Tagen“, antwortete der Halbelf. „Anscheinend habe ich kurzzeitig mit einem Skorpion mit einem Auge auf dem Rücken den Körper getauscht ... und kurze Zeit später für einen weiteren kurzen Moment mit Lereia.“
„Ich habe aber nichts davon bemerkt“, warf die junge Frau ein.
Sgillin nickte und fuhr dann fort. „Des Weiteren hätte ich vorhin fast auch mit Euch den Körper getauscht ... aber irgendetwas hat mich davon abgehalten. Diese Tauscherei kann ich aber nicht gezielt beeinflussen.“
Ambar runzelte nachdenklich die Stirn. „Ein Skorpion mit einem Auge auf dem Rücken? Bizarr ... Moment mal ...“ Er sah auf das Pergament. „Ah ja, das müsste es sein: Er, der durch fremde Augen sieht und dabei tausend Masken trägt.“
„Hm, das klingt irgendwie fies“, bemerkte Sgillin.
„Bundmeister“, fragte Lereia. „Wie viele Auserwählte gibt es in Eurer Schrift?“
„Fünf. Und in Eurer?“
„Sechs“, antwortete sie. „Allerdings sahen wir auch seltsame Dinge von Gräbern und hörten eine Stimme, die neun Namen aufzählte.“
Ambar horchte auf. „Neun? Das wird ja immer besser. Bis auf das mit den Gräbern“, schränkte er auf Lereias Blick hin rasch ein. „Das klingt eher bedrohlich. Welche Fähigkeiten haben die sechs in Eurer Schrift?“
Lereia holte ein Büchlein hervor und blätterte darin. Sie schien recht organisiert zu sein und somit verwunderte es Ambar immer weniger, dass ihr von den dreien das Ganze offenbar auch am meisten Kopfzerbrechen bereitete. Oder man merkte es ihr nur am deutlichsten an. „Das Kind, das unsichtbare Zeichen sieht ...“, las sie nun vor. „ ... das Kind, das den Duft der Ebenen kennt ... das die Alte Sprache versteht ... das durch Träume wandelt ... dessen Blut die Klingenrebe zum Blühen bringt. Wir konnten Naghûl und mich auf die ersten beiden zuordnen, aber Sgillin bislang nicht.“
„Ja, das macht Sinn.“ Ambar nickte. „Und der Absatz mit den Augen und den Masken in meinem Stück trifft wohl auf ihn zu.“
„Richtig“, stimmte Lereia zu. „Dann wären es also mindestens sieben.“
Sgillin schien schon die ganze Zeit etwas zu beschäftigen. Nun konnte er nicht mehr an sich halten und unterbrach das Gespräch. „Ich hätte da auch noch eine Frage, Bundmeister.“
„Bitte, nur zu.“
„Habt Ihr mich vorhin abgewehrt?“ fragte der Halbelf. „Als ich mit Euch den Körper oder Geist tauschen wollte?
„Nein“, erwiderte Ambar ernst. „Denn ich habe es nicht bemerkt.“
Sgillin seufzte. „Ich kann es nicht kontrollieren. Ich habe es mehrmals bei verschiedenen Wesen probiert.“
„Möglicherweise müsst Ihr es erst lernen“, mutmaßte der Bundmeister.
„Aber ... dann könntet Ihr doch auch zu ... na ja, uns gehören“, gab Sgillin zu bedenken.
Auf Ambars fragenden Blick hin, schaltete sich nun Lereia wieder ein.
„Ich konnte bei Naghûl und Sgillin nichts wahrnehmen. Also nicht diese … Signatur. Deshalb haben wir vermutet, dass wir es untereinander nicht anwenden können.“
„Ihr meint, Ihr könnt einander so erkennen?“ fragte Ambar.
Die junge Frau sah ihn an und schien einen Moment zu zögern, dann gab sie sich offenbar einen Ruck. „Soll ich es einmal versuchen? Bei Euch?“
Der Barde spürte eine gewisse Aufregung in sich aufsteigen oder eher … eine Art Unbehagen. So spannend dies auch sein mochte, war er sich alles andere als sicher, Teil jener Prophezeiung sein zu wollen. Dennoch nickte er langsam. „Versucht es.“
Lereia nickte und atmete tief ein, konzentrierte sich offenbar auf ihn. Dann wich der eher angespannte Ausdruck auf ihrem Gesicht einem Lächeln. „Ich nehme reines Gold wahr, erwärmt von der Sonne. Und frisches Birkenlaub, leicht darüber gebreitet. … Es ist sehr beruhigend.“
Erleichtert atmete Ambar aus. Sowohl beruhigt darüber, offenbar nicht zu den Erwählten zu gehören als auch angenehm überrascht von Lereias Beschreibung. „Das klingt schön“, erwiderte er.
„Darf ich fragen, was Eure Heimat ist?“ wollte sie wissen.
„Ich stamme aus Fayrill“, antwortete er. „Das ist ein elfisches Reich in den Außenländern.“
Sie nickte nachdenklich. „Und stimmt meine Beschreibung damit überein?“
„Ihr meint, ob sie meine Heimat trifft? Ich bin in den Wäldern aufgewachsen, ja.“
Sie seufzte. „Ich hätte noch so viele Fragen.“
Ihre Verwirrung und Hilflosigkeit ob der Situation gingen ihm unerwartet nah. Trotz der Begleitung des Halbelfen und des Tieflings, die ganz offensichtlich ihre Freunde und Vertrauten waren, kam sie ihm plötzlich zerbrechlich und ein wenig verloren vor … in der Kapelle, in der riesigen Stadt, in den Wirren, die jene geheimnisvolle Prophezeiung noch mit sich bringen mochte.
„Und Ihr dürft all Eure Fragen stellen“, erwiderte er warm. „Aber ob ich Antworten habe, weiß ich nicht.“
Tatsächlich erwiderte sie sein Lächeln. „Auf die erste bestimmt. Wie werden die anderen beiden Auserwählten in Eurer Schrift beschrieben?“
Ambar lachte. „Ja, da kann ich Euch weiterhelfen. Moment ...“ Er entrollte das Pergament und Lereia nahm Büchlein und Kohlenstift zur Hand. „Sie, die sieht, was vergangen ist und was kommt und die Antworten gibt von jenseits der Zeit.“
„Das wäre unser Kind, das in Vergangenheit und Zukunft blickt ...“, meinte die junge Frau und notierte es. „Das klingt sehr mächtig.“ Dann blickte sie wieder zu Ambar, der nun auch die letzte Zeile des Pergaments vorlas.
„Sie, die mit den Verschiedenen spricht und Macht hat über den Tod.“ Er rollte das Pergament wieder ein und Lereia hob die Brauen.
„Oha … Aber das entspricht eigentlich keinem von uns.“
Naghûl verzog etwas den Mund. „Das kann man sehr vielseitig auslegen ... hoffe ich mal.“
„Das hoffe ich auch ...“ stimmte Ambar zu. „Aber es stimmt, das passt nicht zu Euren Erwählten. Dann haben wir insgesamt acht Fähigkeiten, von denen wir wissen.“
Sie grübelten eine Weile, dann meldete sich Sgillin wieder zu Wort.
„Bundmeister, kennt Ihr noch jemanden, der oder die eine dieser Fähigkeiten aufgewiesen hat ... also außer uns?“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe dergleichen noch nie erlebt. Ich meine, es gibt Personen mit der Sehergabe, aber ... da scheint noch mehr im Spiel zu sein, was diese Gabe betrifft.“
„Und ich verstehe nicht, was mich von Eurem Geist ferngehalten hat“, meinte Sgillin.
„Ich auch nicht“, erwiderte Ambar. „Aber ich bin recht erleichtert darüber.“
Das war er in der Tat. Nicht auszudenken, was jemand anzustellen vermochte, der den Körper mir nichts, dir nichts mit einem Bundmeister Sigils hätte tauschen können. Er wollte Sgillin nichts unterstellen, doch er kannte ihn auch nicht, und allein die Möglichkeit an sich wäre ein erschreckender Gedanke gewesen. Natürlich trug so gut wie jeder Bundmeister eine Tätowierung, die ihn vor geistiger Beeinflussung schützte. Doch er hatte die starke Vermutung, dass es sich bei dieser Fähigkeit noch einmal um etwas anderes handelte. Lereia riss ihn aus dieser kurzen Grübelei.
„Ich verstehe Eure Beschreibung meiner Fähigkeit nicht“, meinte sie. „Die aus Duft Materie webt … Das war es offenbar, was vorhin geschah. Aber aus Materie Zukunft und Schicksal?“
„Da bin ich auch überfragt“, gab Ambar zu. „Keine Ahnung, was das heißen soll.“
Sie nickte und wandte sich dann an den Tiefling. „Naghûl, welches Zeichen siehst du dort oben?“
Der Sinnsat fixierte erneut den Punkt an der Säule, wo niemand außer ihm auch nur das Geringste erkennen konnte. „Es ist seltsam. Es ist ein senkrechter Strich, dann ein waagrechter, ein Kringel, dann wieder ein waagrechter und ein senkrechter Strich. Soll ich es aufzeichnen?“
Lereia nickte und reichte ihm das Büchlein. Ambar stieß sich vom Altar ab und trat ein wenig näher, um zu sehen, was Naghûl aufschrieb. |-o-| zeichnete der Tiefling auf die nächste freie Seite.
„Was die Götter verbergen wollen“, sinnierte Lereia. „3-5-3 und |-o-|.“
„Vielleicht sind es Koordinaten“, überlegte Sgillin.
„Wie heißen diese komischen Zahlen nochmal?“ warf Naghûl unvermittelt ein.
Ambar sah ihn fragend an und Lereia hob die Schultern.
„Von Zahlen verstehe ich nicht viel.“
Der Tiefling runzelte nachdenklich die Stirn. „Die haben irgendwas mit Primus zu tun, glaube ich.“
„Die Dame bewahre uns“, entfuhr es dem Bundmeister. Wenn er irgendetwas in dieser Sache nicht brauchte, waren es die Modronen. Dann noch lieber der Auftrag für die Xaositekten.
„Wer ist Primus?“ wollte Sgillin wissen.
Naghûl winkte ab, offenbar nicht in der Stimmung, eine Erklärung abzugeben. „Ich kenne mich mit Zahlen auch nicht aus“, bemerkte er nur.
Doch Lereia ließ nicht locker. „Ist das irgendetwas von Mechanus?“
„Sozusagen“, bestätigte der Sinnsat. „Er ist der oberste aller Modronen. Ein Gott quasi.“
„Und was macht er mit Zahlen?“ fragte die junge Frau verwirrt.
„Keine Ahnung“, erwiderte der Tiefling säuerlich. „Modronen bauen?“
Ambar musste lachen, doch Sgillin hob die Brauen.
„Aha! Vielleicht will er ja etwas verbergen.“
Mit einem Schmunzeln lehnte sich der Bundmeister der Gläubigen der Quelle wieder gegen den Altar. „Mein Freund Terrance würde jetzt wahrscheinlich sagen, dass alle Götter etwas verbergen wollen.“
Naghûl grinste. „Er darf das nie wissen, was ich kann.“
Ambar lachte erneut, und das Grinsen des Sinnsaten wurde noch ein wenig breiter.
„Ihr könnt darüber lachen.“
Trotz der heiteren Wendung des Gespräches schwiegen sie eine Weile nachdenklich.
„Bundmeister“, fragte Sgillin dann. „Habt Ihr eine Ahnung, an wen wir uns in dieser Sache noch wenden könnten?“
„Spontan muss ich sagen: Nein“, erwiderte Ambar. „Und ich würde auch empfehlen, sehr zurückhaltend zu sein. Denn wenn Ihr schon die Ring-Prophezeiung kennt, wisst Ihr gewiss auch über die damit verbundene Legende der Göttermaschine Bescheid.“
Naghûl nickte sacht.
„Nur wenig“, schwächte Lereia ab. „Wir wissen nicht, welche Rolle wir darin spielen.“
„Ich weiß leider auch nicht viel“, erwiderte Ambar bedauernd. „Aber es scheint eine ziemlich große Sache zu sein. Und eine gefährliche. Ihr könnt Euch gewiss ausmalen, wie viele Kräfte an einer solchen Maschine interessiert wären.“
Naghûl nickte ernst. „Viel zu viele.“
„Verzeiht, dass ich nachfrage“, meinte Sgillin. „Aber was genau macht diese Maschine?“
„Ganz genau wissen wir das nicht.“ Ambar hob die Schultern. „Aber es heißt, sie könne Zeit und Raum verändern, die Wirklichkeit neu formen und dem Multiversum Gestalt geben.“
„Man fragt sich doch, wer so etwas baut“, murmelte Sgillin.
„Ja, das ist eine wirklich sehr gute Frage.“
Naghûl schüttelte den Kopf. „Bei Sharess, wenn diese Maschine der Schicksalsgarde in die Hände fällt ... ich will es mir gar nicht ausmalen.“
„Genau“, stimmte der Bundmeister zu. „Oder den Baatezu. Oder den Tanar'Ri. Oder den Xaositekten. Oder ... na, da fallen mir noch eine Menge ein.“
„Und wieso duldet SIE das?“ fragte Lereia vorsichtig.
Sie stellte eine wichtige Frage. Vielleicht eine der wichtigsten, und zugleich eine, auf die die Antwort noch ungewisser war als auf viele andere Fragen.
„Wer weiß?“ erwiderte Ambar nachdenklich. „Vielleicht hat Sie es begünstigt. Vielleicht will Sie, dass die Maschine benutzt wird. Oder es ist Ihr egal. Wer kann das wissen?“
„Oder die Maschine ist ein Teil von Ihr“ führte Sgillin die Spekulationen fort. „Oder Sie ist ein Teil der Maschine …“
„Über SIE sollten wir nicht zu viel spekulieren“, warf Naghûl mahnend ein.
„Das stimmt.“ Ambar nickte. „Und ich fürchte, keine Theorie ist zu wild, um wahr zu sein … Nicht in dieser Sache.“
Sgillin lehnte sich zurück. „Die Frage ist, was machen wir als nächstes? Unsere Fähigkeiten trainieren? Nach versteckten Zeichen suchen?“
„Üben und vielleicht die anderen suchen“, schlug Lereia vor.
„Ja.“ Ambar seufzte. „Ein guter Punkt. Ich werde mich mit Lady Erin in Verbindung setzen. Vielleicht weiß sie inzwischen mehr. Oder wir wissen etwas, das sie nicht weiß.“
„Und vor allem mit niemanden darüber reden“, fügte Naghûl an.
Sgillin und Lereia nickten zustimmend. Ambar war erleichtert, dass bezüglich des weiteren Vorgehens offenbar Einigkeit unter den dreien bestand. Dann kam ihm ein Gedanke. Vielleicht ein zu voreiliger, vielleicht ein eigennütziger, vielleicht aber auch ein nur allzu begründeter und auch notwendiger Gedanke …
„Ja“, meinte er. „Bitte bewahrt Stillschweigen darüber. Ihr könntet schon jetzt in Gefahr sein.“ Er zögerte, jedoch nur für einen Lidschlag, dann wandelte er seinen Gedanken in eine Frage um. „Gehört Ihr alle den Sinnsaten an?“
„Nein“, erwiderte Sgillin. „Nur Naghûl.“
Ambar nickte. Wie er es vermutet hatte. Er beschloss, den nächsten Schritt zu tun. „Ich verstehe. Und Ihr?“ Er sah zu Sgillin und Lereia.
„Wir stammen von der Materiellen Ebene“, erklärte die junge Frau.
In ihrer Antwort lagen eine gewisse Naivität, aber auch eine Unverdorbenheit, die er reizend fand. Er musste ein wenig lachen.
„Nun, das muss ja nichts heißen.“
Lereia lächelte. „Nein, wir gehören keinem Bund an. Wir waren immer nur sehr sporadisch in Sigil.“
„Ich verstehe.“ Ambar sah zwischen den beiden hin und her. Er entschied sich innerhalb eines sehr kurzen Augenblicks, in dem sein Denken und sein Handeln so gut wie eins waren, in dem es im Grunde keinen Zweifel gab. Geradezu eine Einheit von Gedanke und Tat. Rhys wäre gewiss stolz gewesen, dachte er schmunzelnd bei sich. Dann wandte er sich an Lereia. „Ich würde, glaube ich, gerne noch einmal unter vier Augen mit Euch sprechen.“
Sie wirkte etwas überrascht, nickte aber lächelnd. „Sehr gerne, Bundmeister.“
Klick. Es war, als konnte er in diesem Moment geradezu spüren, wie ein winziges Rädchen passend in ein anderes griff, wie ein Mosaiksteinchen an den richtigen Platz gelegt worden war.
„Gut“, erwiderte er freundlich. „Wie kann ich Euch erreichen, wenn ich mich mit Lady Erin verständigt habe? Nur für den Fall, dass ich Euch kontaktieren muss, ehe sie etwas in die Wege leitet.“
„Ich denke, Sgillin und ich werden erst einmal in Sigil bleiben und engen Kontakt mit Naghûl halten“, erklärte Lereia. „Wir haben hier aber noch keine feste Unterkunft oder vorübergehende Bleibe gefunden.“
„Ich habe ein Quartier in der Festhalle und ich stehe in regem Kontakt zu Sgillin und Lereia“, fügte der Sinnsat an.
Ambar nickte. „Gut, dann wird ein Bote Euch dort sicher finden. Ich werde versuchen, etwas herauszufinden und hoffe, nächste Woche mehr zu wissen.“
„Wir werden natürlich auch nicht untätig sein“, versicherte Naghûl, „Habt Dank für Eure Hilfe.“ Die drei verneigten sich und verließen die Kapelle, während Ambar ihnen noch eine ganze Weile hinterher blickte. Es hatte begonnen …
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gespielt am 4. Februar 2012






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